Global Retail Attractiveness Index (GRAI) Europa

Positive Signale in vielen Einzelmärkten

Erstellt von Ruth Vierbuchen

Die Zeichen für einen konjunkturellen Abschwung in Europas größter Volkswirtschaft Deutschland mehren sich, doch die Entwicklung im Einzelhandel und das Konsumklima waren davon im Sommer 2019 noch unbeeindruckt. Und auch die meisten anderen großen Einzelhandelsmärkte in Europa „sind in ihren Grundfesten intakt“, belegt der jüngste Global Retail Attractiveness Index (GRAI) von GfK und Union Investment, der die Attraktivität der 15 größten europäischen Einzelhandelsmärkte abbildet.

Im Durchschnitt aller Länder erreichte der Global Retail Attractiveness Index (GRAI) von GfK und Union Investment im zweiten Quartal - ungeachtet des sich abschwächenden Wirtschaftswachstums in einigen Ländern und der Unsicherheit über den Brexit - noch einen überdurchschnittlichen Wert von 112. Dabei stellt laut Studie ein Wert von 100 Indexpunkten „eine durchschnittliche Bewertung“ dar. Auch wenn dies gegenüber dem zweiten Quartal 2018 einen Rückgang von drei Punkten bedeutet, so ist die Entwicklung in den europäischen Ländern gemessen am Nordamerika-Index (mit USA und Kanada), der um 8 auf 107 Punkte und dem Asien-Pazifik-Index, der um 7 auf 103 Punkte gesunken ist, bislang noch recht günstig. In Kanada ging der Index sogar um 20 Punkte auf 93 zurück.

Der Index umfasst in Europa die Daten von Schweden, Finnland, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, Österreich, der Niederlande, Belgien, Irland, Portugal, Polen und Tschechien. Als wesentliche Stütze für die stabilen Einzelhandelsmärkte haben die Forscher die robusten Arbeitsmärkte ausgemacht, die diese Länder seit fünf Jahren auszeichnen, wodurch auch die Konsumstimmung positiv beeinflusst wird. Dass sich dennoch viele Investoren bei Handelsimmobilien derzeit zurück halten, wie auch der Blick auf den europäischen Investmentmarkt im ersten Halbjahr zeigte, kann Henrike Waldburg (Foto), Leiterin Investment Management Retail bei Union Investment, nicht nachvollziehen.

„Investoren tendieren dazu, Märkte auf Grund von politischen Wirren zu stark abzustrafen“, moniert sie und verweist auf Länder wie Italien und Spanien als Beispiele dafür, dass sich auch im aktuellen Umfeld in Europa für opportunistische Investments Spielräume bieten. So erhöhte sich der Index in Italien um einen Punkt auf 111 und liegt in Spanien auf einem überdurchschnittlichen Wert von 113, obwohl das 4 Punkte weniger waren als im zweiten Quartal 2018. Bereits seit vier Jahren gibt es laut Waldburg vom spanischen Einzelhandel, vor allem in Madrid und Barcelona, positive Signale, so dass sich das Geschäft mittelfristig stark beleben könnte.

Es helfe durchaus „die Empfangsbereitschaft für positive Signale zu schärfen, die einige Einzelhandelsmärkte in Europa derzeit aussenden“, empfiehlt Waldburg, statt Märkte und Teilmärkte in Bausch und Bogen abzuschreiben, wie das derzeit unter Investoren vielfach passiert.

 In diesem Umfeld konnte denn auch Portugal mit einem Index von überdurchschnittlichen 121 Punkten seinen Spitzenplatz von Anfang 2019 halten - auch wenn das gemessen am zweiten Quartal 2018 ein Rückgang von 5 Punkten war. „Das Land ist zwar bei der Verbraucherstimmung zurückgefallen, bei den Arbeitsmarktdaten und den Umsätzen im Einzelhandel weisen die Portugiesen jedoch erneut exzellente Werte vor“, schreibt Unison Investment. Auf dem zweiten Platz findet sich Deutschland mit einem Index von 120. Wegen seiner stabilen Verbraucherstimmung und den bislang noch guten Arbeitsmarktdaten, die den Einzelhandel solide wachsen lassen, sondieren ausländische Kapitalsammelstellen laut Studie den deutschen Investmentmarkt für Retail Assets noch, obwohl die Mieten weitgehend stagnieren.

Der irische Markt hat sich gut erholt

Auf dem dritten Platz steht Polen mit 114 Punkten, obwohl der Index gemessen am Vorjahresquartal immerhin 8 Punkte verloren hat. Kritisch sieht Henrike Waldburg in diesem Land aber die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und den starken Einbruch bei der Händlerstimmung. Was aus ihrer Sicht auch negativ ins Gewicht fällt, ist der Nachholbedarf, den Polen noch in punkto Online-Handel hat. Das werde sich mit gewisser Verzögerung auch auf die Einzelhandelslandschaft auswirken. Denn inzwischen zeichnet sich ab, dass der stationäre Handel sein Geschäft auch durch eine digitale Strategie absichern muss.

Dass sich der spanische Markt gut geschlagen hat, wurde bereits erwähnt. Auch das ehemalige Sorgenkind Irland schließt mit einem Indexwert von 113 Punkten laut Studie immer weiter zur Spitzengruppe auf. Interessant ist der Blick auf das vom Brexit geplagte Großbritannien, das mit 107 Punkten nicht einmal auf dem letzten Platz des Rankings steht, sondern Belgien und Schweden mit jeweils 101 Punkten  hinter sich lassen konnte und gleichauf liegt mit Frankreich. Bislang verhindert das Wachstum der Einzelhandelsumsätze einen weiteren Rückgang des Global Retail Attractiveness Index. Hinzu kommt: „Die Brexit-Entscheidung hat noch keine neuen Realitäten geschaffen, weder für den Konsumenten, noch den Arbeitsmarkt oder den Umsatz im Einzelhandel“, résümiert Waldburg: Doch wenn Großbritannien den „erwarteten dramatischen Absturz seines BIP“ erlebe, dann werde der Einzelhandel neben dem Logistiksegment und womöglich auch der Hotellerie am unmittelbarsten betroffen sein.

Während der belgische und der schwedische Einzelhandelsmarkt die Schlusslichter bilden und sich die Investoren in Zurückhaltung üben, verbucht Tschechien, das vor einem halben Jahr noch vor Deutschland platziert war, den stärksten Rückgang. „Die deutlichen Verluste, die sich durchgängig bei allen vier Indikatoren eingestellt haben, summieren sich in Tschechien auf ein Minus von 15 Punkten“, hießt es in der Studie. Mit 110 Punkten erreicht das Land nun nur noch Platz acht. Zu den für den Global Retail Attractiveness Index untersuchten Indikatoren gehören die Stimmung der Verbraucher, das Verbrauchervertrauen, die Stimmung der Einzelhändler, gemessen im Business Retail Confidence sowie die Veränderung des Verbraucherpreisindex (Inflation) und die Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes.