Konsumkonjunktur 2019

Noch sind die Bedingungen im Einzelhandel gut

Erstellt von Ruth Vierbuchen

Foto: BTE

Während die gesamtwirtschaftliche Dynamik nachlässt und die Bundesregierung ihre Wachstumsprognosen für 2019 von einem Prozent auf 0,5% herabgesetzt hat, sind die Rahmenbedingungen für den deutschen Einzelhandel unvermindert günstig, wie Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE bei der Frühjahrskonferenz in Düsseldorf berichtet. Der private Konsum erweise sich in dieser Situation als Stabilitätsfaktor. Die Politik müsse aber auch etwas dafür tun, damit das so bleibt, mahnt er.

Nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland (HDE) wird der private Konsum in diesem Jahr um 1,5% zulegen - nach 1% Zuwachs im Jahr 2018. Grundlage für diesen Aufwärtstrend sind knapp 400 000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse in diesem Jahr, wodurch die Arbeitslosenquote unter die 5-Prozentmarke fallen wird. Zudem dürften laut HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth die verfügbaren Einkommen um 3,5% wachsen, während sich die Inflationsrate auf 1,5% verlangsamen wird, sodass den Bundesbürgern real vom Einkommen einiges bleiben wird. Entsprechend positiv ist trotz konjunktureller Eintrübung die Stimmung unter den Konsumenten.

Vor diesem Hintergrund prognostiziert Genth für den deutschen Einzelhandel in diesem Jahr ein Umsatzwachstum von 2% auf insgesamt 537,4 Mrd. Euro. Real bliebe dann ein Plus von 0,5%. Mit Blick auf die Tatsache, dass der Einzelhandelsumsatz nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes bis Ende März 2019 nominal um 4,2% und real um 3,6% gewachsen ist, räumt der Hauptgeschäftsführer ein, dass die Prognosen konservativ sind. 2018 hatte das Umsatzplus nominal noch bei 2,5% gelegen und 2017 bei 4,3%.

Dem Online-Handel wird in diesem Kontext ein Zuwachs von 8,5% auf 57,8 Mrd. Euro prognostiziert und dem stationären Einzelhandel ein Plus von 1,3% auf 479,6 Mrd. Euro. Der Blick auf die vergangenen Jahre zeigt damit, dass die Zuwachsraten im Online-Handel mit wachsender Ausgangsbasis den zweistelligen Bereich verlassen haben. Zuletzt war der Online-Handel 2017 noch zweistellig um 10,5% gewachsen.

Ungeachtet des überaus günstigen Starts ins Jahr 2019 und der guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hat sich die Stimmung unter den 1 000 vom HDE im Rahmen der Frühjahrsumfrage befragten Unternehmen - wie auch in der übrigen Wirtschaft - spürbar eingetrübt. Die negativen Einschätzungen haben laut HDE die Oberhand gewonnen und der Stimmungsindikator ist leicht ins Minus gerutscht - von plus 2 Punkten im Sommer 2018 auf nunmehr minus 2 Punkte.

Nachdem im Vorjahreszeitraum noch 37% der befragten Einzelhändler davon ausgingen, dass sie den Vorjahresumsatz übertreffen könnten, erwarten dies nun nur noch 30%. Die Zahl der befragten Handelsbetriebe, die mit einem Umsatzrückgang rechnen, stieg im Umkehrschluss von 30 auf 35%. Viel Optimismus findet sich dagegen noch unter den Multichannel-Händlern (siehe Grafiken Seite 19). Hier erwarten 64% der Befragten ein Umsatzwachstum und nur 11% glauben, dass sie den Vorjahreswert nicht erreichen können. Mit Hilfe des Online-Verkaufs gelingt es vielen, die Umsatzrückgänge im stationären Geschäft auszugleichen.

Besonders negativ ist die Stimmung und die Geschäftslage laut Genth bei den mittelständischen Einzelhändlern mit weniger als fünf Beschäftigten, die deutschlandweit aber für 54% der Einzelhandelsstandorte stehen. Insgesamt gibt es hierzulande gut 450 000 einzelne Handelsstandorte. Dazu gehören auch die Filialen der Großunternehmen. In punkto Steuerbelastung und Belastung durch die Digitalisierung und den Aufbau einer Online-Präsenz sei bei diesen für die Belebung der Innenstädte aber wichtigen mittelständischen Händlern inzwischen der Peak erreicht, so Genth. Sollte sich die beobachtete Abschwächung in der Gesamtwirtschaft mit zeitlicher Verzögerung auch auf den Einzelhandel ausweiten, dann werde es für diese Betriebe sehr eng werden, mahnt er in Richtung Politik. Den Leerstand werden dann auch viele Innenstädte spüren, die jetzt schon mit dem Online-Handel zu kämpfen haben.

Konkret sieht Genth Reformbedarf vor allem bei der Unternehmensbesteuerung. Ein Problem ist für viele die Berechnung der Gewerbesteuer, denn die Mieten und Pachten werden anteilig auf den Gewerbeertrag aufgeschlagen, so dass die mittelständischen Einzelhändler Steuern auf Kosten zahlen müssen. In Zeiten schwacher Erträge würden diese Hinzurechnungsregelungen die Krise verschärfen. Hier mahnt der HDE-Hauptgeschäftsführer - auch wenn er einsieht, dass die Kommunen stabile Erträge benötigen - zur Erhaltung des Mittelstands dringend Reformen an.

Ein weiteres Thema, bei dem der Handelsverband Reformbedarf sieht, ist die ungerechte Verteilung der Kosten im Rahmen der Energiewende und des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG-Umlage). Hier sieht er die Einzelhändler und die Endverbraucher überproportional belastet, was wiederum deren Kaufkraft schmälert. Denn da energieintensive Industriebranchen von der Umlage befreit werden, kommt es zur Umverteilung auf Branchen wie den Einzelhandel, der keine Abgabenbefreiung genießt und den Endverbraucher. So muss die Branche laut Genth 10% der Ökostromförderung bezahlen, obwohl der Einzelhandel nur 6% des Stroms verbraucht. „Anstelle des ungerechten und komplizierten Umlagesystems sollte die Energiewende über einen CO2-Preis finanziert werden“, schlägt Genth vor. Das sei gerechter und habe eine positive Steuerungswirkung auf den Klimaschutz.

Hinzu kommen Themen wie die überbordende Bürokratie durch Aufzeichnungspflichten. Und mit Blick auf die vielerorts überforderte Infrastruktur fordert der Einzelhandel den Erhalt der Straßen und des öffentlichen Nahverkehrs, um erreichbar zu bleiben. Und auch auf den Ausbau des Internets im ländlichen Raum sind die Händler mit Blick auf den Aufbau einer Multichannel-Strategie angewiesen, um den Frequenzverlust auszugleichen. Nach bisherigen Prognosen befürchtet Genth, dass bis 2025 etwa 10% der Handelsstandorte wegfallen werden. Aus seiner Sicht muss die Politik jetzt handeln und den Mittelstand unterstützen, solange es in der Branche noch so gut läuft.

Positiv ist laut HDE insbesondere die Stimmung unter den großen Handelsunternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern. Aber auch in der Kategorien 21 bis 100 Beschäftigte überwiegen die Optimisten. Allerdings stehen die Mittelständler im Einzelhandel vielfach für individuelle und innovative Konzepte und sie sind wichtig für die kleineren Städte, in die viele Filialisten eher selten gehen.