Nahversorgung

Ein Trend, der ohne Anglizismus auskommt

Erstellt von Manuel Jahn, Head of Business Development Habona Invest

Mehr Convenience. Foto: Habona

„Nahversorgungsprodukte stehen bei Investoren hoch im Kurs“ und „Nahversorgung bleibt Investor’s Darling“ titelten verschiedene Fachmedien, nachdem Sandra Ludwig, Head of Retail Investment bei JLL, jüngst einen Ausblick auf das Jahresendgeschäft wagte und zudem ganz generell die Zukunft der Handelsimmobilie beleuchtete. Demnach hätten Investoren die Lage im Einzelhandel weitgehend antizipiert und würden zunehmend bei online-resistenten Objekten zugreifen.

Dass sich für ein so wehrhaftes und dynamisches Einzelhandelssegment, das 99% der Umsätze im stationären Geschäft erzielt, ausgerechnet ein formaljuristischer Begriff „Nahversorgung“ durchzusetzen scheint, ist in der von Anglizismen gespickten Immobilienwelt vielleicht mehr als eine Randnotiz. Dabei gäbe es doch twittertaugliche Alternativen: Daily Supply, Local Supply, Neighborhood Supply. Und für die Immobilien, die das Bedürfnis nach Treffpunkten vor der eigenen Haustür erfüllen, böten sich doch Begriffe wie Marketplace, Convenience Center oder Living Plaza an.

Kaum eine Woche vergeht, in der die Nahversorgung nicht als letzte Bastion des stationären Handels in den Medien für Aufmerksamkeit sorgt. Im Folgenden versuche ich, einige Beiträge aus den vergangenen Wochen exemplarisch in den Kontext zu stellen. Dabei ist die Geschichte von der Nahversorgungsimmobilie spannender als es der Begriff vermuten lässt. Sie ist eng verknüpft mit einem der größten Dramen, das sich im deutschen Einzelhandel abspielt. Einerseits lassen sich die Verbraucher nur noch durch „billig“ und „premium“ zum Kauf verleiten, andererseits ist ein nennenswerter Anteil des Einkaufs ins Internet abgewandert - aber nur der Nonfood-Einkauf.

Der tägliche Routineeinkauf, also Produkte des täglichen Bedarfs, werden weiterhin und ungezügelt im Ladengeschäft getätigt. Das wirklich Beachtliche an der Geschichte ist aber, dass die tägliche Bedarfsdeckung immer weniger rationalen Überlegungen unterworfen ist, sondern stark von Gefühlen, guten Vorsätzen und sonstigen Projektionen geleitet wird. Diese neue Lust äußert sich in überdurchschnittlichen Wachstumsraten, die im übrigen Einzelhandel ihresgleichen suchen. Die Nachfrage nach Bio, Regional, Frische, Convenience oder Superfood erfreuen aber nicht nur die Kunden, sondern auch die Anbieter, die mit teureren Produkten auch höhere Margen erzielen.

„Mit Klopapier und Konserven können wir uns nicht profilieren“ sagte Rewe-Chef Lionel Souque bei Präsentation der erfolgreichen Unternehmenszahlen in der Sparte „Vollsortiment National“ mit einem Plus von 12,3% im April 2019. Das gleiche gilt für Edeka, Kaufland & Co., die überall eine Aufwärtsspirale des vormals drögen Lebensmittelhandels in Gang gesetzt haben. Aldi, Lidl, Netto und Penny ziehen nach und haben mit dem Kühlhallenflair der 1990er-Jahre nichts mehr gemein.

Erweiterte Sortimente, neue Produkte und wachsende Preise treiben den Umsatz im Nahversorgungssektor. „Die Verbraucher sind bereit, für Produkte mit hoher Qualität mehr Geld auszugeben“, bestätigt auch GfK-Handelsexperte Robert Kecskes im Kontext aktueller Studienergebnisse zum Lebensmitteleinkauf in Deutschland.

Ernährung und Gesundheit sind heute Megatrends

Das Gottlieb Duttweiler Institute hatte schon vor zehn Jahren prognostiziert, dass mit wachsender Unzufriedenheit bei der Ernährung die Bereitschaft steigt, sich auf Innovationen des Lebensmitteleinzelhandels unabhängig vom Preis einzulassen. Mittlerweile ist Ernährung und Gesundheit ein Megatrend. Massenkonsum und unreflektierte Bedarfsdeckung weichen individueller Vorsorge und hohen Qualitätserwartungen. Einkaufen ist aber ein Zeitfaktor, der in Zukunft noch mehr abgewogen wird. Die steigende Erwerbstätigkeit bei älteren Jahrgängen und Frauen führt zu wachsender Kaufkraft bei Kunden, die mehr Qualität und Erlebnis wollen, aber wenig Zeit haben.

Die Lösung heißt Convenience. Gewinner dieses Trends sind kuratierte Angebote mit ausgefeilten Sortimenten, aber vor allem: verkehrsgünstige Formate in der Nähe von Wohn- und Arbeitsstätten. Dieser Trend fordert schnelle Konzepte und zentrale, gut erreichbare Standorte, die weitere Erledigungen ermöglichen oder in den Tagesablauf integriert werden können. Klar, dass diese Wünsche nicht in Waschbeton, sondern in „Wohlfühlatmosphäre“ Erfüllung finden sollen. Deshalb gehört wohnortnahen und schönen Nahversorgungsobjekten die Zukunft.

Die Lebensmittelkonzerne sind dabei, trotz des schon großen Ladennetzes, weiter in die Nähe des Kunden zu rücken. Rewe will 2019 über eine Milliarde Euro in Deutschland für die Modernisierung und Erweiterung der Supermärkte und Discounter ausgeben. Aber auch neue Formate und neue Filialen, die den Verbraucher/innen auf dem Fuße folgen, zählen zum Programm. Überhaupt scheinen Verbraucherbefragungen mehr denn je zu bestätigen, dass Wohnortnähe als wichtigster Faktor für die Wahl der Einkaufsstätte gilt, bedeutsamer als die Produktauswahl oder sogar der Preis.

Wenn die Lebensmittelmultis näher an den Kunden wollen, kann man dem Markt doch freien Lauf lassen – sollte man meinen. In einem brillianten Aufsatz hat sich die BBE mit den planungsrechtlichen Aspekten beschäftigt. Ausgangspunkt ist die Einschätzung, dass es im Interesse einer attraktiven, verkehrsarmen und sozial ausgeglichenen Stadtentwicklung sein muss, kurze Wege und die Verknüpfung von Nutzungen vorzusehen. Vor allem die Kombination aus Lebensmittelhandel und Wohnungsbau müsse noch stärker ermöglicht werden. Markus Wotruba, Leiter Standortforschung BBE: „Nahversorgung in Wohngebieten bedarfsgerecht zu ermöglichen und gleichzeitig den Druck auf den Wohnungsmarkt zu verringern sind daher keine Gegensätze, sondern sollten Hand in Hand gehen.“

Der Lebensmitteleinzelhandel macht vor, wie die Veränderungen im Konsum erfolgreich gemeistert werden: Wie in keinem anderen Segment wurden die Filialen entstaubt, Sortimente modernisiert und Wege verkürzt. Erst am 10. Juli 2019 hat das Bundeskabinett ein Eckpunktepapier zur Umsetzung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland beschlossen. Es wird anerkannt, dass eine gute Nahversorgung wichtig für die Lebensqualität der Wohnbevölkerung auch außerhalb der Metropolen ist. Ein weiterer Ritterschlag für die Nahversorgungsimmobilie – finde ich.