Retailer Meeting

Das Internet bietet keine Urbanität

Erstellt von Ruth Vierbuchen

Städte mit historischem Kern haben Vorteile. Bild: Fotolia

Die Internet-Konkurrenz macht dem stationären Einzelhandel und damit auch den Städten spürbar zu schaffen. Mit der Frage, wie Stadt und Handel mit dieser Herausforderung umgehen sollten und welche Stärken die stationären Händler ausspielen können, befasste sich das Retailer Meeting in Soest.

Der Blick auf die vergangenen sieben Jahre zeigt, wie sehr sich die Gewichte zischen Online und Offline verschoben haben. Wie Markus Preißner, wissenschaftlicher Leiter beim Institut für Handelsforschung (IFH) in Köln beim Retailer Meeting in Soest berichtet, ist die Zahl der traditionellen Käufer, die den stationären Einzelhandel bevorzugen, zwischen 2012 und 2017 von 56% auf 24% gesunken. Entsprechend ist der Anteil der selektiven Online-Shopper, also der Anteil der Bundesbürger, der auch im Online-Shop einkauft, deutlich gestiegen. Die Internet-Affinität der Konsumenten ist in fünf Jahren demnach dynamisch gewachsen.

Ablesen lässt sich dies auch daran, dass der Online-Anteil gerade bei den Innenstadt-relevanten Sortimenten wie Mode, Consumer-Electronics sowie Freizeit & Hobby die 20-Prozent-Marke überschritten hat und beim Sortiment Uhren & Schmuck bei über 16%  liegt. Gleichzeitig ergab die Studie „Vitale Innenstädte“ des IFH, für die in 116 deutschen Städten knapp 60 000 Interviews geführt wurden, dass die Besucher vor allem zum Einkaufen in die Cities kommen, gastronomische Angebote schätzen und für sie Ambiente und Flair - z. B. eine attraktive Altstadt - entscheidend für die Attraktivität einer Stadt sind. Laut Preißner ist ungeachtet der steigenden Online-Affinität für 80% der Bundesbürger der stationäre Handel aber immer noch relevant.

Doch die Schulnote von durchschnittlich 3+ (2,6), mit der die Befragten die Städte laut IFH zuletzt bewertet hatten, ist aus Sicht des Experten zu niedrig, um den Herausforderungen durchs Internet zu begegnen. Denn die typischen Innenstadt-Händler benötigen für die Aufwertung ihrer Sortimente und Verkaufsräume Zeit, genauso wie die Eigentümer, um die Architektur ihrer Immobilien zu verbessern. Bedenklich ist in diesem Kontext auch, dass laut Preißner 18% der Städte - also fast jede fünfte - für ihr Bekleidungsangebot schlechte Noten erhielt: „Das zeigt das Problem.“ Besonders schlecht schnitten die Städte auch beim „Parken“ ab, obwohl Themen wie Erreichbarkeit der Städte, Orientierung, leichtes Parken und Öffnungszeiten im stationären Einzelhandel unter dem Aspekt der „Bequemlichkeit“, die der Online-Kauf bietet, für die Kunden heute wichtig sind. Hier sieht der Experte in vielen Städten mit Blick auf die hohen Parkgebühren, schlechte Parkhäuser und das Fehlen moderner Bezahlmöglichkeiten noch viel Luft nach oben.

Immerhin kommen laut Studie 45,2% aller Besucher mit dem Pkw in die Städte und brauchen einen Parkplatz. Jeder Fünfte kommt laut Preißner inzwischen seltener in die City. Der Online-Kauf bietet eine bequeme Alternative. Für die Städte ist es aus seiner Sicht deshalb wichtig, das Thema Shopping ernst zu nehmen und auch die Customer Journey, die bekanntlich meist mit der Suche im Internet beginnt und nicht selten mit „Click & Collect“ endet, mit digitalen Maßnahmen zu unterstützen. Mit Blick auf diese Anforderungen brauchen Städte aus seiner Sicht einen Koordinator, womit ein gutes City- und Stadtmarketing an Bedeutung gewinnt, genauso wie das Instrument „Business Improvement Districts“ (BID).

Beim Thema Parken ist noch viel Luft nach oben

Ein Spaziergang ist der Weg zur vitalen Innenstadt mit Altstadt-Flair aber auch für Städte, die gut da stehen, nicht, weiß Prof. Monika Dobberstein, Geschäftsführerin der Wirtschaft & Marketing Soest GmbH, aus ihrer Erfahrung mit der ehemaligen Garnisonstadt, die Anfang der 1990er-Jahre mit dem Abzug des Militärs einige Tausend Einwohner und wichtige Arbeitsplätze verlor. Die heutige Urbanität von Soest sei durch lange harte Arbeit entstanden - und mit Hilfe von vielen Fördergeldern. Und auch die Aufwertung des Modeangebots durch die Ansiedlung des neuen Modehauses Kress mit über 6 000 qm wurde durch Gerichtsprozesse zum zehn Jahre währenden Marathon-Lauf. Am Ende gelang es damit aber, wichtige Mode-Anbieter zum Bleiben zu veranlassen. Denn nur ein großes und breites Angebot entfaltet die notwendige Zugkraft.

Heute ist die sanierte Altstadt mit ihrem Einzelhandelsangebot laut Dobberstein eine gute Grundlage für Soest, doch kann sich das Citymanagement darauf nicht ausruhen. Mit regelmäßigen Events  muss der Erlebnisfaktor hoch gehalten werden, wobei sich der örtliche Einzelhandel dabei finanziell bislang nicht beteiligte. Es gibt auch keine Werbegemeinschaft. Dabei ist die Urbanität der Städte ein Faktor, mit dem der reale Einzelhandel gegen die Online-Anbieter punkten kann, denn Urbanität mit all ihren Vorteilen gibt es im Internet nicht.

Auf diese Karte setzte auch der Osnabrücker Einzelhändler Lengermann & Trieschmann nach den Worten von Geschäftsführer Alexander Berger, als er mit seinem Sporthaus der Superlative und einer stehenden Welle als Attraktion für Surfer in seiner Heimatstadt einen Kundenmagneten schuf und seither deutlich mehr Besucher anzieht. Berger ist überzeugt, dass die Welle auch in zehn Jahren noch Sogwirkung entfaltet, da Surfen ein Megatrend sei. Für ihn hat Urbanität viel mit Menschen zu tun, die dahin gehen, wo sie andere Menschen treffen. Und der stationäre Handel müsse die Strukturen dafür schaffen.

Mit welchen Stärken der stationäre Handel gegen die Internet-Konkurrenz punkten kann, erklärte Kai Ehlers, Director Multichannel bei der Internetstores GmbH, anhand des größten deutschen Online-Shops für Fahrräder, fahrrad.de, der erfolgreich ins stationäre Geschäft expandiert und jährlich ein bis drei neue Läden aufmachen will.  Grund für die Entscheidung war der E-Bike-Boom, der quer durch alle Altersgruppen auf Interesse stößt und die Branche derzeit beflügelt.

Aber E-Bikes sind laut Ehlers sehr erklärungsbedürftig, so dass der stationäre Handel mit seiner persönlichen Beratung klar im Vorteil ist. „Davon wollen wir auch profitieren“, so der Director Multichannel,. Und auch von dem wachsenden Trend, dass Kunden online bestellen und vor Ort abholen wollen, will „fahrrad.de“ im Rahmen seiner Multichannel-Strategie profitieren.

Der stationäre Handel hat seine klaren Vorteile

Aber auch stationäre Einzelhändler, die mit ihrer Spezialisierung auf das gut laufende Lebensmittelgeschäft gut dastehen und den Online-Handel noch kaum fürchten müssen, wollen sich auf dem Erreichten nicht ausruhen. So setzt der SB-Warenhaus- und Verbrauchermarkt-Betreiber Kaufland, der früher vor allem die Preiswürdigkeit in den Mittelpunkt rückte, nach den Worten von Angelus Bernreuther aus dem Bereich Investor Relations Management, vermehrt auf den Erlebnisfaktor. Um mehr Frequenz zu generieren und die Kundenbindung zu stärken, steht bei der neuen „Open Mall“ von Kaufland, die 2018 in Arnsberg eröffnet wurde, eine offenere Architektur und eine Aufwertung der Vorkassen-Zone mit Mietern aus dem Lebensmittelhandwerk und der Gastronomie im Vordergrund. Eine große Fensterfront lässt Tageslicht herein und auch Sitzgelegenheiten im Freien gehören zum Konzept.

Offen ist Kaufland an seinen Standorten aber auch für weitere Nutzungen wie Wohnungen, Arztpraxen, Büros oder Sporthallen auf dem Dach, was für Belebung sorgt. Dass der Trend weg geht von den reinen Handelsimmobilien hin zur Ergänzung um andere Nutzungsarten, weiß auch Thomas Binsfeld, Mitglied der Geschäftsleitung der Landmarken AG, zu berichten. Ihre Projektpipeline umfasst etwa 100 Projekte und bei der Auswahl der Standorte wird auch das Potenzial für andere Nutzungsarten geprüft, die teilweise mehr Dynamik entfalten als der stationäre Einzelhandel, der im aktuellen Strukturwandel noch seine Strategie sucht.

Deshalb kann sich Binsfeld auch vorstellen, dass der Handel in vielen Städten nicht mehr die Hauptrolle spielt, sondern Kunst und Kultur an Bedeutung gewinnen. Eine Durchmischung vieler Nutzungsarten wird zweifellos für mehr Urbanität sorgen. „Es ist Zeit, umzudenken“, befand auch Michael Garstka, geschäftsführender Gesellschafter der LIST Development Commercial GmbH & Co KG beim Projekt Neutor Arkaden in Emden, die bis 2020 auf dem Areal einer ehemaligen Kaufhalle entsteht. Neben Einzelhandel im Erdgeschoss, der eigentlich die Hauptrolle spielen sollte, entstehen hier in den oberen Etagen auch Büroflächen und ein Hotel.

Dass heute aber auch noch Shopping-Center realisiert werden können, die zu den progressivsten in Deutschland gehören, wenn die Voraussetzungen stimmen, zeigt die Emsgalerie in Rheine. Die Lage des 14 000 qm großen Grundstücks am Ufer der Ems und an der Einkaufsmeile war nach den Worten des Eigentümers Hermann Klaas, Geschäftsführer des gleichnamigen Entwicklers, eine gute Basis für das Objekt, das nach den Plänen von RKW gebaut wurde. Mit sehr viel Tageslicht, einem ungewöhnlichen Deckengemälde, einem großen Springbrunnen im Innern, echten Pflanzen und einer Gastronomie an der Ems bietet das Center ein Flair der besonderen Art.

Im deutschen Center-Markt bilden solche Highlights freilich die Ausnahme. Wie Lars Jähnichen, Geschäftsführer der IPH Handelsimmobilien GmbH unter der Headline „Quo vadis Shopping-Center“ erläuterte, ist das Segment im Lebenszyklus zwischen Reife- und Sättigungsphase angelangt. Mit Blick auf die steigenden Ansprüche wird der Alltag hier mehr vom Thema Revitalisierung geprägt, das vom Eigentümer pro-aktiv angegangen werden muss. Wichtige Themen sind laut Jähnichen eine klare Ausrichtung auf die Zielgruppe und eine Kommunikation, die gegenüber den Kunden die Stärken des Centers herausstellt: „Marketing ist heute Core.“