Nachhaltige Quartiersentwicklung

Alternatives Mobilitätskonzept in der Mitte Altona

Erstellt von Sabine Richter, Hamburg

Blick auf das Areal der Mitte Altona. Foto: Pro Quartier

Die Mitte Altona ist mit rund 4 900 neuen Wohnungen eines der größten Städtebauprojekte in Hamburg. Die ersten Pläne auf Flächen des ehemaligen Altonaer Güterbahnhofs und nicht mehr benötigten Gleisanlagen stammen schon aus den 1990er-Jahren. Jahrelang hatte die Stadt mit den Investoren über das Bauvorhaben verhandelt – ein zäher Prozess. Denn die Mitte Altona soll Vorbild sein für die Stadtentwicklung in der Hansestadt. Deshalb wurden hohe Ansprüche an das Quartier gestellt: An die Gestaltung der Stadträume und Gebäude, an die Beteiligung und Einbindung aller Bewohner sowie an eine zukunftsweisende Mobilität.

Realisiert werden sollen jeweils ein Drittel öffentlich geförderte und freifinanzierte Miet- sowie Eigentumswohnungen. Bis zu 20% der Wohnungsbau-Flächen sollen an Baugemeinschaften vergeben werden und ein weiterer Anteil soll Integrationsprojekten zur Verfügung stehen. Die Investoren verpflichten sich zudem über das übliche Maß hinaus, für behinderten- und seniorengerechte Wohnungen zu sorgen. Die Pläne stammen von dem Hamburger Architekten André Poitiers, der zusammen mit Arbos Freiraumplanung den städtebaulichen Wettbewerb gewonnen hatte und die Grundlage für den Masterplan lieferte.

Der erste Bauabschnitt auf einem rund 12,3 Hektar großen Areal zwischen den historischen Fassaden der angrenzenden Wohngebiete und den renovierten Güterbahnhofshallen wurde 2015 gestartet: 1 600 Wohnungen, ein großer Park, eine Stadtteilschule, Spielplätze, vier Kitas kleinere Gewerbebetriebe, Läden für die tägliche Versorgung, Gastronomie und Büros. Die ersten Bewohner sind Ende 2017 eingezogen, Ende 2021 soll alles fertig sein, das letzte Gebäude wird die Schule sein.

Dagegen können die Planungen für den zweiten Bauabschnitt mit 1 900 Wohnungen, Kleingewerbe, Grünflächen und öffentlichen Einrichtungen vorerst nicht beginnen. Grund: Der Wohnungsbau ist auf dem Gleisfeld des bestehenden Kopfbahnhofs Hamburg-Altona geplant und kann erst nach der Verlagerung des Fern- und Regionalbahnhofs zur zwei Kilometer entfernten S-Bahn-Station Diebsteich realisiert werden. Und das wurde von einem Gericht gestoppt. Am 22. August hatte das Oberverwaltungsgericht Hamburg einem Eilantrag des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) stattgegeben. Die Pläne litten „an einer unzureichenden Problembewältigung hinsichtlich der Verlegung der Verladeeinrichtung für Autozugverkehre“. Weitere 1 300 Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft entstehen voraussichtlich ab 2021 auf dem Gelände der Holsten-Brauerei, die ihre Getränke-Produktion nach Hamburg-Harburg verlagert. Auf dem Holsten-Areal sollen auch viele Infrastruktureinrichtungen, ein Park und Kleingewerbe entstehen.

Damit dürften unter der Voraussetzung, dass jede Wohnung im Durchschnitt mit 2,2 Bewohnern belegt wird, etwa 11 000 Menschen in der Mitte Altona leben, genug, um einen Supermarkt wirtschaftlich zu betreiben. Ihren täglichen Bedarf sollen die Einwohner zu Fuß decken können, denn das Stadtviertel soll als Modell für auto- und verkehrsreduziertes Wohnen dienen.

Ein Modell für verkehrsreduziertes Wohnen

Versorgungsmittelpunkt wird der ehemalige Güterbahnhof sein. Die denkmalgeschützten Hallen mit 15 846 qm Fläche, inzwischen an die Warburg HIH Invest verkauft, werden von Aurelis revitalisiert und sind bereits vollständig an Nutzer aus unterschiedlichen Branchen vermietet. Darunter der Künstlerfachhandel Boesner, die Fitnesskette Kieser Training sowie einige Kleingewerbetreibende.

Die beiden Ost- und Westhallenflügel werden über einen Neubau, die sogenannte Querbühne (Büro- und Gastronomie) verbunden. „Die Güterhallen sind das Herzstück der Mitte Altona, so Ivo Iven, Geschäftsführer der Aurelis Region Nord.

Die Objekte sollen in einen Individualfonds eingebracht werden. „Der Fokus unseres Bestandsportfolios liegt auf Gewerbeparks, Logistikzentren und weiteren Unternehmensimmobilien. Wir haben das Wertsteigerungspotenzial der Güterhallen nun realisiert und Nutzer – unter anderem aus Büro und Einzelhandel – gewinnen können. Die Veräußerung ist daher für uns eine logische Konsequenz“, begründet Iven den Verkauf an die Warburg HIH Invest.

Für die Nahversorgung im Quartier soll Edeka-Nord sorgen, die für die Osthalle (3 651 qm) einen Generalmietvertrag über 15 Jahre unterschrieben hat. Die Eröffnung des Edeka-Marktes, eines zugehörigen Naturkind-Bio-Ladens und eines dm-Drogeriemarkts erfolgt laut Plan im Oktober 2019. „Aurelis hat sich seinerzeit für Edeka entschieden, weil das inhaltliche Konzept und das wirtschaftliches Angebot am besten zur gewünschten Struktur als Nahversorgungszentrum gepasst haben“, erklärt Christin Schulz, Leiterin der Region Nord bei Aurelis.

„Mit dem Bio-Konzept erschließen wir den selbstständigen Edeka-Kaufleuten zusätzliche Wachstumspotenziale“, ergänzt Edeka-Nord. Naturkind positioniere sich als Markt für bewussten Genuss und bietet ein breites Sortiment an ökologisch erzeugten Lebensmitteln sowie Naturkosmetik an. Neben bekannten Bio-Marken wie Alnatura wird es viele Produkte aus der Region geben, frische Sortimente wie Obst, Gemüse, Fleisch und Wurst, Käse und Backwaren.

Der Markt stellt sich zum Beispiel mit extra breiten Kassen auch auf die behinderten Menschen im Quartier ein. Knapp 100 Parkplätze stehen für Kunden zur Verfügung. Viele dürften das als großen Luxus empfinden. Denn in Mitte Altona wird die autofreie Mobilität mit großer Konsequenz betrieben. Der Stellplatzschlüssel beträgt 0,4 und öffentliche Parkplätze gibt es auch für Anrainer kaum, es herrscht durchgängig maximal Tempo 30, und es gibt auch einige Straßenzüge, in denen Autos überhaupt nicht zulässig sind.

Es wird viel für die alternative Mobilität getan

Dafür, dass die Bewohner dennoch mobil sind, wird ungewöhnlich viel getan. Eine neue Buslinie wurde eingerichtet, eine weitere kommt nach dem Umbau der Harkortstraße. Es gibt zwei Cambio-Car-Sharing- und zwei Stadt Rad-Stationen, die zum Jahreswechsel in Betrieb genommen werden.

In der Mobilstation können unterschiedliche Radkonzepte ausprobiert und für etwa einen Euro pro Stunde ausgeliehen werden: Lastenräder, eine Rikscha, ein Rollstuhltransporter, Falträder und ein elektrisch unterstützter Fahrrad-Anhänger, auch als Bollerwagen nutzbar. „Ab September können die Räder dann rund um die Uhr über das Buchungssystem unseres Partners, Cambio-Carsharing entliehen werden“, so Björn Ruhkieck, einer der beiden Quartiers- und Mobilitätsmanager, die von den Investoren bis 2024 finanziert werden, um die Themen des Quartiers zu fördern. Die Mobilitätsstation berät darüber hinaus Bewohner, wie sie auch ohne eigenes Auto unter Nutzung verschiedener Mobilitätsangebote oder auch zu Fuß am besten in der Stadt unterwegs sein können.

In Veranstaltungen wird beispielsweise vermittelt, wie die Verleihsysteme für Elektro-Roller, Stadt Rad und Car-Sharing funktionieren, oder wie man Fahrgemeinschaften, Mitfahrzentralen oder die neuen Taxiservices nutzen kann. Für Senioren und Menschen mit Einschränkungen werden, bis die neuen Einkaufsmöglichkeiten eröffnen, ein Minibus gechartert, der Bewohner zum Einkaufen bringen wird, ein Gratis-Angebot, das von der Martha-Stiftung finanziert und vom Bezirksamt Altona organisiert wird.