Global Retail Attractiveness Index (GRAI)

Zeichen der Stabilisierung in Europa

rv DÜSSELDORF: Die Spuren des Iran-Konflikts in Deutschland und Europa sind unübersehbar. Vor diesem Hintergrund signalisiert der Global Retail Attractiveness Index (GRAI) für den europäischen Einzelhandel im weltweiten Vergleich – trotz leichter Abschwächung – eine beachtliche Widerstandsfähigkeit. Nach der lebhaften Entwicklung 2025 konnte der Indexwert von 115 Punkten aus dem Vorjahr gehalten werden. Auch wenn sich die beiden Teilindikatoren „Verbraucherstimmung“ und „Vertrauen der Einzelhändler“ leicht abgeschwächt haben.

„In der gesamten EU-15-Region bleibt der Einzelhandel positiv und stützt die allgemeinen Marktaussichten“, heißt es im Global Retail Attractiveness Index (GRAI) von Union Investment, der in Zusammenarbeit mit NIQ-GfK erhoben wird. Während die durch den Iran-Konflikt gestiegenen Energiepreise, die anhaltenden geopolitischen Spannungen – Stichwort Ukraine-Krieg und Nahost-Konflikt – und die wirtschaftlichen Unsicherheiten die Stimmung der europäischen Verbraucher und das Vertrauen der Einzelhändler belasten, halten die tatsächlichen Aktivitäten des Einzelhandels dieser leichten Abschwächung stand. Die beiden anderen Teilindikatoren des GRAI – die „Arbeitslosenquote“ in Europa und die „Einzelhandelsumsätze“ – bleiben demnach stabil und wirken dem Abwärtstrend entgegen.

In einem zunehmend volatilen geopolitischen und wirtschaftlichen Umfeld bildet aus Sicht der Experten diese Stabilität des Einzelhandelssektors Europas größten Wettbewerbsvorteil. Nach Einschätzung von Laura Roll, Senior Investment Manager Retail bei Union Investment, zeichnet gegenwärtig nicht ein explosives kurzfristiges Wachstum Europa aus, sondern ,Ausgewogenheit und Widerstandsfähigkeit‘: „Der Einzelhandel bleibt gesund, die Verbraucher geben weiterhin Geld aus, und viele Einzelhändler bewahren trotz schwieriger makroökonomischer Bedingungen ihr Vertrauen“, ordnet die Expertin die Lage ein.

Dabei zeigen allerdings auch die einzelnen Regionen Europas keine homogene Entwicklung, wie der Blick auf die Indikatoren zeigt. So reicht die Bandbreite von einem GRAI von 136 (+2) Punkten in Polen an der Spitze der Rangliste bis zu unterdurchschnittlichen 89 (-4) Punkten in Finnland am unteren Ende. Besonders auffällig ist in diesem Kontext laut Studie die Entwicklung in Tschechien, das mit +16,2 Punkten einerseits einen der stärksten Anstiege beim Verbrauchervertrauen in ganz Europa verzeichnete, gleichzeitig aber einen dramatischen Einbruch von -24,5 Punkten beim Vertrauen im Einzelhandel hinnehmen musste.

„Diese ungewöhnliche Divergenz spiegelt einen Markt wider, in dem die Haushalte zunehmend optimistisch sind, während die Einzelhändler hinsichtlich der künftigen wirtschaftlichen Lage weiterhin vorsichtig bleiben“, urteilen die Experten. Mit 126 (-3) Punkten beim GRAI konnte Tschechien dennoch den zweiten Platz verteidigen – vor Portugal, das mit 123 (+2) Punkten den dritten Platz belegt.

Es folgt Spanien mit 121 Punkten auf Platz vier, vor Italien und Großbritannien mit jeweils 117 Punkten. Deutschland bewegt sich mit seinen 111 Punkten im Mittelfeld, vor Frankreich (109), den Niederlanden (108) und Belgien mit 107. Österreich liegt mit seinen 100 Punkten genau auf dem europäischen Durschnitt, während Schweden mit 101 Punkten knapp darüber liegt und Dänemark mit 98 Punkten knapp darunter. Auffallend ist das gute Abschneiden in Ost- und Südeuropa sowie Großbritannien und der ungünstige Trend in den skandinavischen Ländern.

Ungünstige Entwicklung in skandinavischen Ländern

Interessant ist laut Studie auch der Blick auf Frankreich, das gleichfalls eine uneinheitliche respektive gegensätzliche Entwicklung aufweiset. So bleibt das Verbrauchervertrauen schwach, was angesichts der schwierigen politischen Verhältnisse im Land ohne eindeutige politische Mehrheiten und sich verschlechternden Arbeitsmarktindikatoren nicht überrascht. Insgesamt führte das dazu, dass sich der Gesamt-Einzelhandelsindikator um zwei Punkte verschlechterte. Dass der Einzelhandel selbst im Land positiv gestimmt bleibt, belegt aus Sicht der Experten das allgemeine europäische Muster, dass der Konsum widerstandsfähig bleibt, obwohl die Stimmung schwächer wird.

So kommt auch Roman Müller, Head of Investment Management Retail bei Union Investment, zu dem Ergebnis, dass der europäische Einzelhandelsmarkt insgesamt „eher Zeichen einer Stabilisierung als einer Schrumpfung“ zeigt. Dafür spricht aus seiner Sicht vor allem die Kombination aus moderatem Vertrauen einerseits und einem gesunden Einzelhandel anderseits. Das deute auf einen Einzelhandelsmarkt hin, der aktiv und anpassungsfähig bleibe und in der Lage sei, externe Schocks wie die gegenwärtigen abzufedern.

Dafür spricht auch der Vergleich mit den anderen untersuchten Regionen in Amerika und im asiatisch-pazifischen Raum. So ermittelten Union Investment und NIQ-GfK für Nordamerika (USA und Kanada) einen Gesamtindikator von 99 Punkten (+3), wobei die USA mit 101 Punkten (+2) deutlich besser abschneiden als Kanada mit einem Wert von nur 87 Punkten. Dabei gilt noch zu bedenken, dass der GRAI in Kanada im ersten Quartal 2026 um sechs Punkte zugelegt hatte.

Im asiatisch-pazifischen Raum lag der Index mit 97 Punkten sogar noch etwas niedriger. Einziger Lichtblick ist, dass auch hier der GRAI um drei Punkte gestiegen ist. Vor allem in China, das nach einem grenzenlosen Bauboom zuletzt von einer großen Krise auf dem Immobilienmarkt geplagt wurde, registrierten die Experten einen Anstieg des Indexes um 16 auf 102 Punkte. Das zeigt aber auch, wie tief das Tal zuvor war. Und auch in Australien legte der GRAI um neun Punkte auf 87 zu, was aber immer noch deutlich unter der Gleichgewichtslinie von 100 liegt.