Modehandel vor Herausforderungen

Von dem vorsichtigen Optimismus für 2025 ist wenig übriggeblieben

Viele Schließungen im vergangenen Jahr. Foto: R. Vierbuchen

rv DÜSSELDORF. Vor dem Hintergrund der schwachen deutschen Wirtschaft fehlte 2025 auch dem Einzelhandel der Schwung. Zwar erzielte die Branche insgesamt 2025 nach Schätzung des Statistischen Bundesamts ein Wachstum von real 2,4% und nominal 3,6%, doch erwies sich vor allem der Internet- und Versandhandel mit real +10,8% (nominal +10,9%) in den ersten elf Monaten als Treiber. Dem für die Innenstädte so wichtigen Einzelhandel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren ist es im Jahresverlauf zumindest gelungen, den Umsatzrückgang auf real nur noch -0,8% und nominal -0,1% zu drücken.

In den ersten acht Monaten hatte das Umsatzminus in der Branche nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) noch bei real -2,3% und nominal -1,5% gelegen. Ob das grundsätzlich als Wende zum Besseren gewertet werden kann, ist mit Blick auf die Bilanz, die der Präsident des Handelsverbands Bekleidung, Schuhe, Lederwaren (BTE), Mark Rauschen (Foto), zum Jahresende für das Modejahr 2025 gezogen hat, zu bezweifeln: „Speziell in der Mode- und Schuhbranche vergeht fast keine Woche ohne Geschäftsaufgabe“, stellt er dazu nüchtern fest.

Dabei hatte er für die Branche zunächst mit vorsichtigem Optimismus auf das Jahr 2025 geblickt. Doch ein Jahr später herrscht nach seinen Worten fast überall Ernüchterung, da von den vollmundigen Versprechen der neuen Bundesregierung kaum etwas übriggeblieben sei. Statt Aufschwung herrsche nach den vielen Berichten über Umsatzeinbrüche, Massenentlassungen und Insolvenzen vor allem Tristesse. Zuletzt hat auch Bundeskanzler Friedrich Merz festgestellt, dass die Lage in der deutschen Wirtschaft kritisch sei. 

Jenseits der geopolitischen Verwerfungen durch die US-Zollpolitik und die Auswirkungen der Kriege sieht BTE-Präsident Rauschen in Deutschland selbst aber noch ungenutzten Spielraum, um Branchen wie dem Textil-, Schuh- und Lederwarenhandel das Wirtschaften zu erleichtern und mehr Freiheiten einzuräumen. Schließlich liegt es auch im deutschen Interesse, dass sich hiesige Unternehmen gegen globale Player behaupten können: „Es ist doch absurd, dass bei uns absolute Nebensächlichkeiten bei der Gebäudesicherheit oder bei der Beantragung von Weihnachtsmärkten geprüft werden, während gleichzeitig millionenfach minderwertige und zum Teil gesundheitsschädigende Textilien, Schuhe und Accessoires unkontrolliert über asiatische Plattformen ins Land kommen“, spielt er auf die Flut von Billigwaren von Plattformen wie Temu und Shein an, die den hiesigen Markt überfluten und den Wettbewerb verzerren.

Als Vorbild nennt der BTE-Präsident die EU-Kommission, die zuletzt in puncto Bürokratie zurückgerudert war und übertriebene Vorgaben sowie Berichtspflichten rund um Lieferketten, Nachhaltigkeit und Entwaldung zurückgedreht oder das zumindest auf den Weg gebracht hat. „Hier haben wir im Zusammenspiel mit dem HDE und Euro-Commerce sichtbare Erfolge der Verbandsarbeit erzielt.“

Weitere wichtige Themen sind für Mark Rauschen zum einen das Thema Ladenschluss resp. Sonntagsöffnungen im stationären Einzelhandel und andererseits die Aufwertung der Innenstädte, um wirkungsvoll gegen den Schwund bei der Frequenz vorzugehen. Hier sieht er alle Innenstadt-Stakeholder in der Pflicht: So sollten sich beim Stadtmarketing, in Straßenwerbegemeinschaften oder im Gemeinderat nicht nur die örtlichen Facheinzelhändler engagieren, sondern möglichst alle Anlieger wie auch die Filialisten, die Gastronomie, die Dienstleister und auch die Immobilieneigentümer sollten Zeit und Budget investieren.

Plädoyer für Sonntagsöffnungen 

Mit Blick auf die restriktiven Regelungen bei den Sonntagsöffnungen und der Tatsache, dass es der Gewerkschaft immer wieder gelingt, Sonntagsöffnungen zu verhindern, mahnt Rauschen, dass für den stationären Einzelhandel die Sonntagsöffnungen nicht dazu dienen, damit sich die Inhaber eine „goldene Nase“ verdienen, sondern um das Überleben der Geschäfte und damit auch der Arbeitsplätze zu sichern. Denn es ist bekannt, dass viele Online-Kunden regelmäßig sonntags online bestellen. Mit liberaleren Regelungen und weniger Widerstand durch die Gewerkschaften gegen die Sonntagsöffnungen hätte der stationäre Einzelhandel ein geeignetes Instrument in der Hand, um seinerseits dem Wunsch der Kunden nach einem sonntäglichen Einkaufsbummel zumindest gelegentlich nachkommen zu können. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Der BTE-Präsident ist überzeugt, dass sich mehr Leben in der Innenstadt an Sonntagen auch positiv auf das viel diskutierte „Stadtbild“ in Deutschland mit Leerständen wegen Geschäftsaufgaben, die schnell zu einer Abwärtsspirale führen können, auswirken wird. Attraktive Läden sind dagegen das beste Mittel, um für mehr Frequenz zu sorgen. Die Aufgabe des Einzelhandels sieht er darin, diese Zusammenhänge auch den örtlichen Entscheidungsträgern vor Augen zu führen. Und die Stadtspitzen, die Polizei und das Ordnungsamt in Hintergrundgesprächen dafür zu sensibilisieren, wie wichtig Sicherheit und Sauberkeit in den Cities sind.

Gefordert bei der Zukunftsbewältigung sieht der BTE-Präsident aber auch die Branche selbst – beispielsweise weil das Konzept des Multilabel-Handels nicht mehr funktioniere und mit den tradierten Prozessen keine hinreichende Rendite mehr zu erzielen sei. Vor dem Hintergrund der erwarteten schwachen Umsatzentwicklung im Jahr 2025 befürchtet er, dass viele Bekleidungs-, Textil- und Schuhhändler in die roten Zahlen gerutscht sind. „In einer solchen Situation muss alles auf den Prüfstand“, empfiehlt er. Viel Potenzial sieht er vor allem noch beim Warenmanagement. Die vertikalen Mode-Unternehmen, die vom Design über die Produktion und den Verkauf alles selbst machen, würden der Branche zeigen, was möglich ist, wenn Handel und Industrie optimiert zusammenarbeiten. Weil es hier oft am gegenseitigen Vertrauen fehlt, gibt es immer wieder Reibungsverluste.

Insbesondere dem mittelständischen Facheinzelhandel empfiehlt Mark Rauschen darüber hinaus, auf gute Mitarbeiter zu setzen. Sie seien – neben Chefinnen und Chefs – die emotionalen und fachkundigen Botschafter des Unternehmens und damit das größte Profilierungsinstrument gegenüber Großfilialisten und dem Online-Handel.