Homeoffice und Konsum

Verschiebung an den Stadtrand?

Foto: Habona

rv DÜSSELDORF. Die Corona-Pandemie hat die Arbeitswelt und das Konsumverhalten der Bundesbürger nachhaltig verändert, so dass sich der Konsum verstärkt vom Zentrum an den Stadtrand verlagert. Konkret lag der Umsatz in den City-Lagen von fünf deutschen Großstädten Ende Mai 2022 weiterhin um 10% unter Vorkrisenniveau, während die Erlöse in den Wohngebieten der Vororte um bis zu 20% zugelegt haben. Das ist das Ergebnis der Studie „Die Innenstadt als Konsumzentrum: Ein Opfer von Corona und Homeoffice?“ des Ifo Instituts auf Basis aggregierter und anonymisierter Daten zu Einzelhandelsumsätzen, die Mastercard bereit gestellt hat.

„Auch nach Auslaufen fast aller Corona-Maßnahmen kehren die Menschen nicht zu ihren Vorkrisen-Einkaufsgewohnheiten zurück“, stellt Carla Krolage vom Ifo Institut und Co-Autorin der Studie fest. Demnach lassen Umfragedaten darauf schließen, „dass Homeoffice auch in Zukunft in einem ähnlichen Umfang wie in den vergangenen Jahren erhalten bleibt“. In der Pandemie hatten Unternehmen hierzulande erstmals auf breiter Basis die Arbeit im Homeoffice ermöglicht – da, wo es möglich war. Etwa ein Drittel aller Beschäftigten arbeitete in der Pandemie zumindest teilweise von zu Hause aus.

Nach Aufhebung der meisten pandemiebedingten Einschränkungen legen nun viele Beschäftigte laut Ifo-Studie großen Wert auf die Möglichkeit, zumindest an einigen Tagen in der Woche im Homeoffice arbeiten zu können. Diese Zunahme von Homeoffice, die gleichzeitig zu regionalen Konsumverschiebungen führt sowie das zunehmende Online-Shopping haben aus Sicht der Autoren Jean-Victor Alipour, Oliver Falck, Simon Krause, Carla Crolage und Sebastian Wichert das Potenzial, das Erscheinungsbild vieler deutscher Städte zu verändern.

Für die Ifo-Studie „Die Innenstadt als Konsumzentrum: Ein Opfer von Corona und Homeoffice?“ wurden die Umsatzentwicklungen im Einzelhandel sowie Daten zur Homeoffice-Nutzung in Berlin, München, Hamburg, Stuttgart, Dresden und deren Umland analysiert. Die Analysen basieren auf kleinräumigen, tagesaktuellen Daten. Das Phänomen, dass der Konsum in den Stadtzentren zurückgeht und sich in die Wohngebiete und Vororte verlagert, wird als „Donut-Effekt“ bezeichnet.

Laut Ifo-Analyse ist dieses Phänomen „vor allem in den deutschen Millionenstädten Berlin, München und Hamburg zu beobachten – werktags stärker als am Wochenende“. Die untersuchten Daten beziehen sich auf den Zeitraum vom 1. Januar 2019 bis 31. Mai 2022. Erfreulich für die Stadtzentren ist, dass hier an Samstagen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit kein Konsumrückgang erkennbar ist. Allerdings könne dadurch der Umsatzverlust an den Wochentagen nicht ausgeglichen werden.

Heruntergebrochen auf die fünf Metropolregionen möchten laut Ifo-Studie im Schnitt 30% der Beschäftigten künftig mindestens an einem Tag in der Woche im Homeoffice arbeiten. „Das wäre mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Vorkrisenniveau (14%)“, schreiben die Autoren. Aber auch Unternehmen – wenn auch mit 16% in geringerem Umfang – planen mit mehr Homeoffice.

Ähnliche hohe Homeoffice-Quote wie während der Pandemie?

Sofern sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei ihren Vorstellungen in etwa auf der halben Wegstrecke treffen, dann würde laut Ifo-Studie eine ähnlich hohe Homeoffice-Quote wie während der Pandemie herauskommen – etwa 24% im Februar 2022. Daraus schlussfolgern die Autoren, dass sich mehr Konsumausgaben auch langfristig ins Internet sowie in Wohnbezirke und suburbane Gebiete verlagern. Allerdings verzeichnet der Online-Handel nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes derzeit mit Blick auf die hohe Inflation und den Kaufkraftverlust spürbare Umsatzeinbußen – mehr als der stationäre Handel.

Beim Blick in die weitere Zukunft gehen die Autoren davon aus, dass der innerstädtische Konsum während der Woche unter dem Vorkrisenniveau bleiben wird. Das würden vor allem der Einzelhandel und die Gastronomie in zentralen Lagen und im Umfeld großer Bürokomplexe zu spüren bekommen. Diese Entwicklung dürfte aber auch den Büromarkt tangieren.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass (Wohn-)Gebiete, in denen früher traditionell wenig im Homeoffice gearbeitet wurde und die seit der Pandemie einen hohen Zuwachs an Heimarbeitern hatten, vor Ort nun 20% mehr Konsum als vor der Pandemie verzeichnen. „Die Menschen haben sich ans Online-Shopping gewöhnt und sie arbeiten mehr von zuhause als vor der Pandemie“, sagt Mitautor Jean-Victor Alipour: „Wohngebiete und Vororte werden zu eigenständigen Konsumzentren, in denen vor Ort deutlich mehr Geld ausgegeben wird.“

Aus Sicht von Mitautor Simon Krause stellt damit der Trend zu dauerhaft mehr Homeoffice, zu mehr Online-Shopping sowie die daraus resultierenden regionalen Konsumverschiebungen „das Konzept von deutschen Innenstädten als reine Einkaufs- und Arbeitsorte stark in Frage“. Das könne erhebliche Folgen für den Einzelhandel, Bürokomplexe und Gastronomie sowie für die Verkehrs- und Stadtplanung haben. Die Konsequenz ist laut Studie, dass die Stadt der Zukunft deutlich dezentraler organisiert werden muss. Die neue Arbeitswelt könne das Erscheinungsbild der Städte grundlegend verändern.

Das Erscheinungsbild der Städte würde sich verändern

Für die Studie wurden anonymisierte und aggregierte inländische Kartenzahlungen aus der „Mastercard Retail Location Insights“-Datenbank analysiert. Diese enthält tagesgenaue Informationen zu Ausgabemustern an Kassenterminals für alle Postleitzahlengebiete der fünf Metropolregionen und wurde dem Ifo Institut für dieses Projekt von Mastercard zur Verfügung gestellt. Zusätzlich nutzt die Studie repräsentative, mikrogeographische Umfragedaten zur Homeoffice-Nutzung, die durch Infas 360 erhoben wurden.

Um Verzerrungen durch Reiseeinschränkungen zu vermeiden, beschränken sich die Analysen laut Ifo auf private Konsumausgaben von in Deutschland ansässigen Karteninhabern. Daneben wurden aggregierte Konsumdaten von „Mastercard Spending Pulse“ herangezogen, um die Entwicklung des Online-Konsums nachzuvollziehen. Diese anonymisierten und aggregierten Daten seien auf regionaler und nationaler Ebene verfügbar und würden die Analyse von Verschiebungen zwischen Online- und Offline-Konsum erlauben.

Zudem wurden diese Daten mit umfragebasierten Informationen zur lokalen Homeoffice-Nutzung in den fünf Metropolregionen verknüpft. Dazu hat Infas 360 eine repräsentative Umfrage unter knapp 12 000 Teilnehmen durchgeführt. Außerdem werden die Informationen zu Konsum und Homeoffice mit Daten zur Bebauungsstruktur der jeweiligen Postleitzahlgebiete aus den offiziellen Flächennutzungsplänen der jeweiligen Städte verbunden.