Die Menschen gehen vor allem zum Einkaufen in die Innenstädte. Doch darüber hinaus sorgen die belebten Läden des Einzelhandels in den Abendstunden für Sicherheit in den Stadtzentren. Deshalb müssen Innenstadtentwicklung, Sicherheitspolitik und Handelsförderung auch zusammengedacht werden.
Die Klett-Passage (Foto: Klett Passage) am Arnulf-Klett-Platz in der Nähe des Stuttgarter Hauptbahnhofs bildet als Einkaufspassage mit vielen Geschäften nicht nur den Zugang zu den Bahnsteigen der Stadtbahn-Haltestelle unter dem Platz. Ihr Name war auch früh verknüpft mit dem Thema „innerstädtische Sicherheit“ und dem damals kontrovers diskutierten Thema „längere Ladenöffnungszeiten“. Denn in der Klett-Passage durften die Geschäfte schon kurz nach ihrer Eröffnung im Jahr 1976 bis 22 Uhr öffnen, als das Ladenschlussgesetz die Öffnungszeiten abends noch auf 18.30 Uhr begrenzte.
Der Grund für die verlängerten Öffnungszeiten waren Sicherheitsüberlegungen. Denn wo viele Menschen abends in und vor den Geschäften unterwegs sind, werden Kriminalität und Drogenszene – die hier ein Problem waren – zurückgedrängt. Insofern liefert der Einzelhandel für die Menschen nicht nur den Hauptgrund, die Stadtzentren aufzusuchen, offene Läden in den Abendstunden sorgen zudem für Frequenz und dafür, dass sich die Menschen in diesem Umfeld bei Dunkelheit sicher fühlen.
„Die Menschen sehen Geschäfte mit Mitarbeitern und bei Dunkelheit beleuchtete Schaufenster als entscheidenden Sicherheitsfaktor“, stellt denn auch Alexander von Preen, Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE) fest und schlussfolgert daraus, dass es ohne die Geschäfte des Einzelhandels auch kein erfolgreiches, belebtes und zukunftstaugliches Stadtzentrum geben kann. Diesen Eindruck bestätigen auch die Ergebnisse des Standortmonitor 2026 – Sicherheit in Innenstädten aus Besuchersicht, wonach die überwiegende Mehrheit (78%) der 2 038 befragten Menschen zwischen 16 und 93 Jahren angab, sich in Innenstädten sicher zu fühlen. Und für 87% stärken beleuchtete Schaufenster das Sicherheitsgefühl spürbar. Fast genauso viele (88%) finden, dass dieses Sicherheitsgefühl auch auf die Umgebung der Läden ausstrahlt. Die Studie wurde im Auftrag des HDE vom Forschungs- und Beratungsunternehmen Essentiq aus Mannheim durchgeführt.
Dabei bedingen sich Einzelhandel und sichere Innenstädte aus Sicht der Studienexperten gegenseitig. Denn ohne einen belebten Handel gebe es keine sichere Innenstadt, aber ohne Sicherheit könne es auch keinen starken Handel geben. Die Basis für diese Sicherheit in der City bilden demnach Faktoren wie eine sichtbare Ordnung, lebendige Nutzung und eine gute Gestaltung, aus der sich die Attraktivität, Frequenz und wirtschaftliche Stabilität der Innenstadt ableiten. „Innenstadtentwicklung, Sicherheitspolitik und Handelsförderung müssen daher konsequent zusammengedacht werden“, schreiben die Autoren. Diese Zusammenhänge zeigen, wie unentbehrlich der Einzelhandel als Lebenselixier für die Innenstädte ist, dass gute Stadtentwicklung aber über den Handel hinaus gehen muss.
Ein ungepflegtes Stadtbild mindert das Sicherheitsgefühl
Denn im Umkehrschluss mindert ein ungepflegtes und heruntergekommenes Stadtbild etwa durch Vandalismus und Graffiti bei 82% der Befragten das Sicherheitsgefühl spürbar. In diesem Kontext erzeugen auch leerstehende Geschäfte bei vielen Bürgern (73%) ein Gefühl von Unsicherheit. Das gilt laut Standortmonitor am stärksten für die Großstädte ab 100 000 Einwohner. Und mehr als zwei Drittel (68%) empfinden sogar einen „starken“ bis „sehr starken negativen Einfluss“ durch Leerstand.
„Dunkle Fassaden und fehlende Nutzung werden als Zeichen von Verfall und Kontrollverlust interpretiert und verstärken Unsicherheit vor allem in ohnehin schwachen Innenstadtlagen“, zählen die Autoren des Standortmonitors weiter auf: „Leerstände wirken damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und sicherheitsbezogen destabilisierend.“ Das zeigt auch, welche Konsequenzen die vielen Insolvenzen und Filialschließungen als Folge der Pandemiebekämpfung für viele Innenstädte haben und dass es dabei gesellschaftlich um mehr geht als nur um einige leerstehende Verkaufsflächen. Noch mehr als Leerstand befürchten die Befragten jedoch Pöbeleien von aggressiven Gruppen (91%), Misstrauen erweckende Personen/Gruppen (89%) sowie öffentlicher Drogenkonsum und Taschendiebstähle in Innenstädten mit jeweils 87%.
Dass auch Städte und Gemeinden vor diesem Hintergrund in der Pflicht sind, liegt auf der Hand. So sprechen sich die Autoren besonders in problematischen Lagen für eine sichtbare Präsenz von Polizei, Security und Ordnungsdiensten aus: „Ihre Wirkung entfaltet sich besonders effektiv dort, wo der Handel Frequenz, Übersichtlichkeit und soziale Kontrolle schafft.“ Deshalb sind aus ihrer Sicht Sicherheitsstrategien zugleich Standort- und Handelspolitik. Notwendig sind in diesem Kontext die Investition in Beleuchtung, in Sauberkeit, in Überwachsungskameras und aus Handelssicht in aktive Erdgeschosszonen. Dabei seien die Vermeidung von Leerständen und die Herstellung von sichtbarer Ordnung keine Zusatzmaßnahmen, vielmehr seien sie zentrale Voraussetzungen für wirtschaftlich stabile Innenstädte.
Dass sich das Sicherheitsgefühl in den Cities in den vergangenen zwölf Monaten für 27% der Befragten verschlechtert hat, sieht HDE-Präsident von Preen als weiteres Warnzeichen: „Wir müssen diesen Abwärtstrend aufhalten. Die Politik muss auf allen Ebenen endlich klare Maßnahmen ergreifen und Leerstände schneller füllen oder gar nicht erst entstehen lassen.“ Laut Studie wächst mit wachsender Stadtgröße auch der Anteil der Menschen, der eine Verschlechterung des Sicherheitsgefühls wahrnimmt.
Der Einzelhandel braucht bessere Rahmenbedingungen
Um seine Funktion als erfolgreicher Mieter in den Innenstadtlagen ausfüllen zu können, braucht der Einzelhandel aber auf allen Ebenen bessere Rahmenbedingungen: So müssten laut von Preen Bundesregierung und EU u.a. schnell an die Energiekosten ran, die Stromsteuer müsse für alle gesenkt werden. Das senkt im energieintensiven Handel die Kosten und erhöht bei den Kunden die Kaufkraft.
Des Weiteren setzt der HDE-Präsident sich für eine Gründungsoffensive für den Einzelhandel ein, wobei die Leerstände im Rahmen einer Zwischenvermietung durch die Kommunen als Innovationsmotoren genutzt werden sollten. Zielführend wäre es laut von Preen Gründerinnen und Gründern im Rahmen einer solchen Gründungsoffensive unter anderem Mietzuschüsse und Förderungen bei der Gründung sowie für die Geschäftseinrichtung, die Datenverarbeitung inklusive des Kassensystems und eines digitalen Warenwirtschaftssystems sowie Marketingmaßnahmen zukommen zu lassen. Immerhin schließen auch viele mittelständische Geschäfte, weil Einzelhändler keinen Nachfolger finden. Insofern könnten Förderprogramme wichtige Impulse setzen. Das sind letztlich Investitionen in die Stadtentwicklung und in die Sicherheit.
Ein Beispiel für die positive Beziehung zwischen Einzelhandel, Stadtentwicklung und Sicherheit ist auch der Stadtteil Hasenbergl in München, der bis in die 1970er-Jahre hinein auch auf Grund der demographischen Entwicklung als sozialer Brennpunkt galt. Neben der Anbindung des Stadtteils an die Innenstadt durch den Ausbau der U-Bahn-Linie U2 und der Ansiedlung von Schulen, Kirchen, Gewerbebetrieben, Studentenwohnheimen und eines Kulturzentrums spielte der Bau des neuen Shopping-Centers Mira und seine Eröffnung im Jahr 2008 eine zentrale Rolle bei der Aufwertung und Belebung des Stadtteils. Eine Festwiese für regelmäßige Veranstaltungen wie Bürger- und Volksfeste bilden eine wichtige Ergänzung zum Einzelhandelsangebot und schaffen die Basis für eine belebte und damit sichere Stadtteillage.



