Die Verbraucherstimmung der Deutschen hat sich im Monat Juli zwar leicht verbessert, bleibt aber unter dem Niveau des schwachen Vorjahres. Genauso wie die Erholung des Ifo-Geschäftsklimas im Einzelhandel deutlich unter dem Niveau von 2025 zurückblieb. In dieser Gemengelage hält der Handelsverband Deutschland (HDE) an seiner Prognose für 2026 fest und erwartet ein Umsatzwachstum von nominal 2% und real 0,5%. Die größten Sorgen bereitet der Branche die Kaufzurückhaltung der Bundesbürger.
Anlass zur Hoffnung, dass Deutschlands Einzelhändler die Zielmarke von 2% Umsatzwachstum in diesem Jahr – zumindest im Durchschnitt betrachtet – erreichen können, gibt die Tatsache, dass die Branche ihre Erlöse in den ersten fünf Monaten bis Ende Mai nominal um 1,9% steigern konnte und real noch ein kleines Plus von 0,9% blieb. Auch zeigen sich nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland (HDE) bei der Pressenkonferenz zum Verlauf des ersten Halbjahres im Einzelhandel Anzeichen einer vorsichtigen Stabilisierung. Denn Unternehmen und Finanzmarktexperten würden die wirtschaftlichen Aussichten etwas positiver bewerten und auf eine Entspannung der geopolitischen Lage hoffen, wie der Verband mitteilt.
Vor diesem Hintergrund geht der HDE davon aus, dass die Stimmungsindikatoren zumindest ihren Tiefpunkt inzwischen durchschritten haben. Einen nachhaltigen Anlass zum Optimismus leitet der Verband daraus aber noch nicht ab, denn der Einzelhandel werde im laufenden Jahr nur über die Preise wachsen. Mit Blick auf die moderate Verbraucherstimmung, die darauf hindeutet, dass die Deutschen eher sparen als sich größere Anschaffungen zu leisten, erwartet Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE beim privaten Konsum 2026 nur ein moderates Plus von 0,4%: „Für eine spürbare wirtschaftliche Erholung wäre eine deutlich stärkere und vor allem dauerhafte Verbesserung der Konsumstimmung erforderlich“, heißt es dazu weiter. Dafür müsste aber ein nachhaltiges Ende der Krisen in Sicht sein und sich bei den Einkommen der privaten Haushalte eine Verbesserung abzeichnen. Doch darauf lässt die Tatsache, dass der Irankonflikt immer wieder neu aufflammt, derzeit nicht schließen.
Diese Entwicklung schlägt sich auch in der aktuellen Stimmung nieder, die eine Umfrage des HDE unter Vertretern aus 600 deutschen Handelsunternehmen zeigt. „Die Stimmung bei Verbrauchern und Unternehmen ist auf dem gleichen Niveau wie im zweiten Corona-Lockdown“, erinnert HDE-PräsidentAlexander von Preen an eine sehr schwierige Zeit für den deutschen Einzelhandel. Und die Lage sei dramatischer als im vergangenen Jahr. Das zeigen auch die Umfrageergebnisse.
So ist der Anteil der Befragten, der im ersten Halbjahr eine Verbesserung seiner Geschäftslage verzeichnete von 16% im Vorjahreszeitraum auf 12% gesunken und der Anteil, dessen Geschäftslage gleichgeblieben ist, ging von 33% auf 25% zurück, während die Gruppe, die eine Verschlechterung registrierte von 51% auf 63% gestiegen ist. Ähnlich die Ergebnisse bei der Beurteilung der aktuellen Lage. Nur 12% bezeichneten sie als „gut“ (2025: 16%) und der Anteil der Befragten, der „zufrieden“ war, ging von 51% auf 45% zurück. Von einer „schlechten Lage“ sprachen nun 42%, nach 33% im Vorjahr.
Jeder Zweite rechnet mit weiterer Erosion der Umsätze
Auch bei der Entwicklung der Gewinne steht der größte Teil der Branche im ersten Halbjahr unter Druck, denn der Anteil der Befragten, der von einer Verschlechterung spricht, ist von 60% auf 69% gestiegen. Nur noch magere 8% sprechen von einer Verbesserung (i. Vj. 13%) und keine Veränderung registrierte knapp jeder Vierte (23%), nach 27% im Vorjahreszeitraum.
Da sich an der geopolitischen Front und damit bei der Verbraucherstimmung keine Entspannung abzeichnet, ist es nicht überraschend, dass jeder Zweite (50%) im zweiten Halbjahr mit einer weiteren Erosion seiner Umsätze rechnet, gut jeder Dritte (36%) mit Stagnation, aber auch 14% mit einer Steigerung der Umsätze. Unter dem Strich gehen 55% der Befragten davon aus, dass ihre Erlöse im Gesamtjahr entweder „leicht“ oder „deutlich unter Vorjahr“ liegen werden.
Dabei bleibt der Online-Handel laut HDE-Hauptgeschäftsführer Genth mit einem nominalen Wachstum von +4,3% (real +3,5%) auf 96,3 Mrd. Euro auch in diesem Jahr die treibende Kraft im Einzelhandel. Für den stationären Einzelhandel prognostiziert der Verband ein Wachstum von nur 1,6% (real: 0%) allerdings bei einer deutlich größeren Ausgangsbasis von 594,1 Mrd. auf 601,1 Mrd. Euro.
Mit Blick auf diese moderate Stimmung im Einzelhandel registrierte der HDE bei seiner Befragung auch eine eher schwach ausgeprägte Investitionsneigung. So wollen 37% in diesem Jahr nicht investieren und 43% wollen weniger investieren. Nur 18% denken an höhere Investitionen als im Vorjahr. Der höchste Bedarf wird dabei in den Bereichen Digitalisierung, Werbung und Personal gesehen. Wie von Preen zudem einräumt, hat der stationäre Einzelhandel in den vergangenen Jahren auch zu wenig in die Innenausstattung seiner Geschäfte investiert. Unter Druck steht auch die Beschäftigung im Einzelhandel, denn nur wenige Unternehmen (7%) wollen ihre Mitarbeiterzahl erhöhen.
Die Investitionsneigung ist nur schwach ausgeprägt
„Das Problem für viele Unternehmen sind die steigenden Kosten für Beschäftigung, Energie und Wareneinkauf – bei gleichzeitig stagnierenden Umsätzen“, stellt HDE-Präsident von Preen vor diesem Hintergrund zusammenfassend fest. Mit Blick auf das Reformpaket der Bundesregierung hat der Handelsverband klare Wünsche und Nachbesserungen formuliert, um das Wachstumspotenzial in der Branche zu erhöhen. Im Interesse des privaten Konsums, der immerhin 53% des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, fordert von Preen bei der Einkommenssteuer eine spürbare Entlastung der Bundesbürger. Die 10 Mrd. Euro, die das Reformpaket bislang vorsieht, reichen dafür nicht.
Und mit Blick auf die 800 000 Minijobber, die der Einzelhandel pro Jahr einsetzt – nicht zuletzt, um saisonale Spitzen wie beispielsweise im Weihnachtsgeschäft abzufedern – warnt der Verband davor, Minijobs abzuschaffen oder die Bedingungen zu verschlechtern. Denn viele Unternehmen seien „auf einen vernünftigen und zukunftssicheren Umgang mit dieser Beschäftigungsform angewiesen“. Die Politik dürfe auch nicht mit den Lebensmodellen der betroffenen Menschen spielen.
Das Absenken der Stromsteuer für alle – und nicht nur für ausgesuchte Industriebranchen – steht schon lange auf dem Wunschzettel der Handelsunternehmen, die gleichfalls zu den energieintensiven Branchen gehören. Bei dem Wunsch, dass die Lohnnebenkosten mit Blick auf die Probleme bei den Krankenkassen und Pflegeversicherungen bei 40% gedeckelt werden, schließt sich der Verband im Interesse des Wirtschaftsstandorts Deutschland den Wünschen der deutschen Wirtschaft an. Weitere Themen sind die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes und der Bürokratieabbau.
Mit Blick auf die EU-Richtlinie 2024/825 „Empowering Consumers for the Green Transition“ (EmpCo), die die Verbraucherrechte im Bereich nachhaltiger Produkte stärken und irreführende Umweltaussagen sowie Nachhaltigkeitssiegel regulieren soll und die ab 27. September 2026 europaweit angewendet werden muss, fordert der HDE eine Verlängerung der Abverkaufsfrist für Produkte in Verpackungen, die den Anforderungen noch nicht entsprechen, da andernfalls in großem Stil Lebensmittel vernichtet werden müssten.
HDE fordert Absenkung der Stromsteuer für alle
Mit der Forderung, dass die Bundesregierung gelegentliche Sonntagsöffnungenermöglichen soll, erneuert der Verband eine Bitte, die er schon seit Jahren immer wieder vorträgt – nicht zuletzt, um im Wettbewerb mit dem Online-Handel nachzulegen. Denn Online-Shops sind rund um die Uhr geöffnet – auch wenn die Zustellung tagsüber in einem festen Zeitrahmen erfolgt. Zudem ist Einkaufen auch ein Einkaufserlebnis wie Stefan Genth anmerkt. Und das würde auch die Attraktivität der Stadtzentren verbessern. Hintergrund für die erneut gestellte Forderung nach sicheren Sonntagsöffnungen ist die von CDU und SPD im Reformpaket vereinbarte Verlängerung der sonntäglichen Öffnungszeiten für Bäckereien, Konditoreien und öffentliche Bibliotheken ab 1. Januar 2027.
Ein Problem bei den in Deutschland in vielen Bundesländern gelegentlich erlaubten Sonntagsöffnungen ist der geforderte „Anlassbezug“. Das heißt, die Sonntagsöffnung in stationären Geschäften ist nur zu besonderen Anlässen erlaubt wie große Märkte, Feste oder Messen, die für sich genommen schon so zugkräftig sind, dass sie auch ohne die Öffnung der Geschäfte genügend Besucher in die Innenstädte locken. Dieser „Anlassbezug“ ist der entscheidende Punkt, an dem die Gewerkschaft Verdi immer wieder ansetzt, um für ihre Mitglieder mit Klagen die verfassungsrechtlich geschützte „Arbeitsruhe“ an Sonntagen und staatlichen Feiertagen zu sichern. Dabei bezogen sich die Klagen oft auf den nicht ausreichenden Nachweis, dass das Stadtfest und nicht die Öffnung der Geschäfte Anlass für den Innenstadtbesuch war. In vielen Fällen wurden die Sonntagsöffnungen im Eilverfahren kurz vor dem geplanten Termin gekippt, sodass die betroffenen Händler auf ihren finanziellen Auslagen – wie etwa Werbung und zusätzliches Personal – sitzen blieben.
Vor diesem Hintergrund fordert HDE-Präsident von Preen, Sonntagsöffnungen flexibler zu handhaben und den Anlassbezug wegzulassen, sodass Einzelhändler und Kommunen leichter entscheiden können. Mit Blick auf die Tatsache, dass viele Menschen sonntags frei haben, sollte man aus seiner Sicht auch offen darüber diskutieren. Doch die zahllosen Klagen, mit denen die Gewerkschaft Verdi bislang die verfassungsrechtlich geschützte „Arbeitsruhe“ ihrer Mitglieder an Sonntagen verteidigt hat, dürften ein Beleg dafür sein, dass der Kampf für mehr offene Sonntage im Einzelhandel nicht einfach sein wird.



