Handel in der Corona-Pandemie

Mit jedem Monat Lockdown wird es schlimmer

Click & Meet: Anstehen vor den Geschäften. Foto: R: Vierbuchen

rv DÜSSELDORF. Die zaghaften Öffnungsperspektiven für den Nonfood-Einzelhandel mit Einkaufen nach Terminvereinbarung (Click & Meet) haben der Branche nach Feststellung des Handelsverbands Deutschland (HDE) keinen Ausweg aus der Existenznot geboten. So hätten die Erlöse in der zehnten Kalenderwoche um 25% unter der Vorjahreswoche gelegen. Nach der erneuten Verschärfung sehen sich  54% der Bekleidungshändler ohne weitere Hilfe 2021 vor dem Aus. Wie es um den Handel nach den Zwangsschließungen steht hat die Wirtschaftsauskunftei Creditsafe auf Basis von Jahresabschlüssen untersucht.

Und danach ist laut Wirtschaftsauskunftei Creditsafe Deutschland kaum eine Industrie so stark von der Pandemie betroffen wie der Groß- und vor allem der Einzelhandel. Zwar würden hohe Liquiditätsengpässe und Verschuldungsraten in der aktuellen Krisensituation die gesamte Wirtschaft stark treffen, doch leide der Einzelhandel finanziell mit jedem Monat unter Pandemiebedingungen besonders stark. Daran ändere auch die Perspektive nichts, dass Ladenöffnungen in Sicht seien.

Das lässt sich am Indikator „Liquidität“ ablesen: Während im Schnitt aller deutscher Unternehmen etwa 34,37% eine zu niedrige Liquidität aufweisen und damit das Risiko einer Zahlungsunfähigkeit erhöht ist, liegt dieser Durchschnittswert im Großhandel bei 35,80% und im Einzelhandel bei 35,73%. Dass dies vor allem für den Einzelhandel sehr problematisch ist, wie die Experten anmerken, liegt laut Creditsafe daran, dass die Verknüpfung von Umsatz und Liquidität in kaum einer anderen Branche so eng ist wie hier. So beklagt auch der Bekleidungshandel, dass ihm das Geld für die Bezahlung der Frühjahr-Sommer-Kollektion fehlt, nachdem er die Winterware nur unzureichend verkaufen konnte.

Ein weiterer Indikator ist die „Überschuldung“, die im Einzelhandel mit 20,02% über dem Wert von 15,4% im Schnitt aller deutscher Unternehmen liegt. Damit ist im Handel jedes fünfte Unternehmen bilanziell überschuldet. Im Großhandel liegt der Wert mit 18,89% etwas niedriger. „In Anbetracht der Tatsache, dass unter der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bei vielen Unternehmen im Jahr 2020 weiteres Fremdkapital aufgebaut, Eigenkapital jedoch meist aufgebraucht wurde, bleibt der genaue Grad der Überschuldung noch abzuwarten“, stellt Creditsafe fest.

Wie groß die sich daraus ergebende Insolvenzwelle ausfallen wird, die die deutsche Wirtschaft seit Monaten vor sich herschiebt, wird erst sichtbar, sobald die Ausnahmeregelungen zur Aussetzung der Insolvenzantragspflicht von der Bundesregierung zurückgenommen werden. Dieses „Gesetz zur Abmilderung der Folgen der Corona-Pandemie im Insolvenzrecht“, das bereits 2020 bis zum 31. Januar 2021 verlängert wurde, gilt nach einer weiteren Verlängerung nun bis Ende April 2021. Eine nochmalige Verlängerung kann nicht ausgeschlossen werden.

Bei der Eigenkapitalquote liegt der Einzelhandel mit 34,06% zwar über der durchschnittlichen Quote von 29,39% aller deutscher Unternehmen, dennoch sehen die Experten keinen Grund zur Entwarnung, da mit dem Eigenkapital das in der Branche meist geringere Anlagevermögen gedeckt werden müsse – das gilt vor allem für Einzelhändler in gemieteten Räumen. Zudem kommen die Experten bei ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Unternehmen, der eine zu geringe Eigenkapitalquote hat, mit 40,18% im Einzelhandel sehr hoch ist.

Jedes fünfte Unternehmen im Handel überschuldet

Als letzten Indikator haben die Experten das „Ausfallrisiko“ als maßgeblichen Faktor für die wirtschaftliche Stabilität in den nächsten zwölf Monaten analysiert. Bei einer Ausfallwahrscheinlichkeit von 3% gilt laut Studie ein sehr hohes Risiko für eine Firmenpleite. Bei etwa 17,73% der Einzelhändler und 16,97% der Unternehmen aus dem Großhandel wurde ein solcher Wert von 3% und höher ermittelt. Der branchenübergreifende Durchschnittswert liegt bei 13,61%.

Im Durchschnitt aller Einzelhandelsunternehmen lag das Ausfallrisiko bei 1,55% - gegenüber einem branchenübergreifenden Schnitt von 1,36%. Abgesehen davon, dass der Handel damit deutlich schlechter dasteht als die übrigen Branchen, weisen die Experten zudem darauf hin, dass die Auswirkungen von Corona in diesem Wert noch nicht enthalten sind, so dass das Risiko noch deutlich größer sei.

In ihrem Fazit betonen die Experten nochmals, dass sich der Einzelhandel – womit naturgemäß der von den Zwangsschließungen betroffene Nonfood-Handel gemein ist – „in einer schweren wirtschaftlichen Krise befindet, die sich jeden weiteren Monat im Lockdown verschlechtert“. Dazu tragen die extremen Umsatzeinbrüche bei, die erwähnte hohe Verschuldung und die sich daraus ergebenden Liquiditätsprobleme: „Zwar ist zu erwarten, dass mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen auch der Umsatz steigt“, heißt es in der Studie: „Da aber noch kein konkreter Zeitpunkt feststeht, bleibt weiterhin abzuwarten, wie schnell und in welchem Umfang sich der Groß- und Einzelhandel von den Umsatzeinbußen erholen kann.“

Mit Blick auf diese Ungewissheit und das unzureichende Funktionieren von Einkaufen per Terminvereinbarung - Click & Meet – mahnt der Hautgeschäftsführer des HDE, Stefan Genth, dass ein nachhaltiger Weg in die Öffnung des Nonfood-Einzelhandels nur funktioniert, wenn sich die Politik von den starren Inzidenzen löse und künftig weitere Parameter wie etwa die „Auslastung der Intensivbetten“ und die „höheren Testquoten“ berücksichtige. Zumal das Robert-Koch-Institut bestätigt habe, dass die Ansteckungsgefahr im Einzelhandel gering sei. Aus Genths Sicht ist es daher an der Zeit, „eine flächendeckende Öffnung des Einzelhandels bei Einhaltung strikter Hygiene- und Abstandskonzepte“ zu ermöglichen.