Der stationäre Einzelhandelsumsatz mit Bekleidung und Schuhen befindet sich in einem langfristigen Abwärtstrend. Die Gründe liegen nicht allein im gewachsenen Wettbewerb durch Online-Anbieter bzw. Onlinekanäle, sondern auch im Rückgang der bezahlten Preise pro Kleidungsstück.
Insbesondere im dominierenden modischen Segment können Kleidungsstücke durch Vertikalisierung, d. h. durch den Ausschluss des Zwischenhandels, immer günstiger angeboten werden. Die erfolgreichsten Unternehmen bieten zudem einen hohen Kollektionswechsel an, ziehen so die bestehende Nachfrage auf sich und drängen andere Händler vom Markt. Bereits zwischen 2008 und 2019 führte der Ausleseprozess zu einer bis dahin beispiellosen Schrumpfung des stationären Bekleidungsmarktes, dessen Tiefpunkt in der Corona-bedingten Insolvenzwelle erreicht wurde.
Im stationären Bekleidungseinzelhandel werden derzeit noch 88% der vorpandemischen Nach-frage erreicht. Dagegen liegt der Fashion-Online-Handel auch nach Abbau der Sondereffekte noch fast 24% über dem Niveau von 2019.
Während die stationären Trendsetter in den Segmenten Fast Fashion und Premium den Strukturwandel weitgehend abgeschlossen haben und erfolgreich auf die übergangslose Verknüpfung von Ladengeschäft und Onlinekanälen (Omnichanneling) setzen, stehen die stark in die Fläche expandierten Textildiscounter unter dem Druck von Online-Shops der Ultra Fast Fashion Anbieter. Auch die Luxusmarken überdenken ihre im vergangenen Jahrzehnt teilweise überdehnte Expansion.
In einem ausgesprochen herausfordernden Umfeld konnten sich wenige Anbieter an die Spitze des deutschen Modeeinzelhandels arbeiten. Die Erfolgsfaktoren sind der Fokus auf günstige Preise durch günstige Beschaffung (Discount) und/oder Aktualität durch straffe Vertikalisierung (Fast Fashion). Die Mitte des Marktes mit ihren definierten Sortimenten in traditionellen Kauf- und Warenhäusern, Fach- und Filialgeschäften zerbricht unter dem Druck. Inditex hat sich auch dank einer geschickten Mehrmarkenstrategie zum größten Fast-Fashion-Anbieter der Welt entwickelt.
Die Gegenmodelle zu Discount und Fast Fashion sind Premium und Luxus. Trotz Fokussierung auf die Preisspitzen sind in diesen Segmenten Umsatzgiganten herangewachsen. LVMH ist mit seinem Portfolio an Luxusmarken gemessen am Umsatz doppelt so groß wie Inditex. Aber auch die beiden Verfolger Luxxotica und Richemont erreichen noch die Größe von H&M und Fast Retailing. Umsatztreiber der Luxusmarken sind die starke Internationalisierung und das Wecken von Begehrlichkeit, was selbst für minderwertige Qualität höchste Preise erzielen lässt. Die Flächenproduktivität in den Stores erreichen das Zwei- bis Zehnfache von Fast-Fashion-Konzepten.
Der deutsche Mode- und Bekleidungseinzelhandel war noch bis zum Beginn der Corona-Krise vergleichsweise expansiv. Bei insgesamt nachlassender Nachfrage sowie Abflüssen in den Online-Handel sollten zusätzliche Filialen zusätzlichen Umsatz erzielen, um wachsende Abschriften und schwindende Gewinnmargen zu kompensieren. Die wachsende Zahl der Shopping-Center wie auch innerstädtischer Geschäftshäuser heizte die Flächenexpansion in Deutschland noch zusätzlich an.
Erst die Corona-Pause offenbarte das entstandene Überangebot. Nach Überwindung der Pandemie sprang die Nachfrage nach Bekleidung in stationären Geschäften nicht in der erhofften Breite wieder an. Stattdessen konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die wenigen erfolgreichen Konzepte.
Anders als im Fashion-Bereich gelang es anderen Nonfood-Konzepten, sich aus den Lockdowns erfolgreich herauszuarbeiten. Die Zahlen für den Nonfood-Ladeneinzelhandel ohne Bekleidung erholen sich und liegen heute immerhin um rund 5% über dem Vor-Corona-Niveau, während Bekleidungsumsätze sich noch 20 Prozentpunkte darunter befinden.



