Einzelhandelskonjunktur

Kein Post-Corona-Boom wie 2020 erwartet

Die Inflation belastet die Kaufkraft. Foto: Hystreet.com

rv DÜSSELROF. Die aktuelle Lage und die Stimmung im deutschen Einzelhandel werden von einem Dreiklang geprägt: Vor allem sorgen sich die Unternehmen gemäß einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland unter 800 Betrieben um die hohe Inflation (66% der Nennungen), steigende Energiekosten (59%) und die Kaufzurückhaltung der Bundesbürger (58%). In diesem Umfeld erwartet der Verband für 2022 zwar ein nominales Wachstum von 3%, was bei der hohen Inflation jedoch einem realen Wertverlust von -2% entsprechen dürfte.

„Während die deutsche Wirtschaft im gerade zu Ende gegangenen ersten Halbjahr 2022 kaum gewachsen sein dürfte, ist für das zweite Halbjahr zwar mit einer Belebung, nicht aber mit einem Post-Corona-Boom wie im Jahr 2020 zu rechnen“, teilt der Handelsverband Deutschland (HDE) zur Halbjahrespressekonferenz mit. Zumal die Verbraucherstimmung auf ein äußerst niedriges Niveau eingebrochen ist und in den nächsten drei Monaten nicht mit einer Belebung gerechnet werden kann.

Damit dürfte der private Konsum, der über 50% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmacht, als wichtige Konjunkturstütze ausfallen. Hiobsbotschaften, dass die bereits stark reduzierten russischen Gaslieferungen zum Winter ganz ausfallen könnten und der völlig offene Verlauf und Ausgang des Ukraine-Kriegs sowie die immer noch nicht abgeflaute Corona-Pandemie verunsichern die Bundesbürger nachdrücklich. „Die Lage ist alles andere als einfach, die Zukunftsaussichten in vielerlei Hinsicht schwierig zu beurteilen“, konstatiert vor diesem Hintergrund der HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Gemessen am schwachen Coronajahr 2021, das gerade in der ersten Jahreshälfte im Einzelhandel durch massive Beschränkungen negativ beeinflusst war, hat laut HDE-Umfrage nicht einmal die Hälfte der befragten Handelsunternehmen (41%) den Umsatz steigern können. Bei 17% war die Lage unverändert, aber bei 35% lag der Umsatz noch unter dem Niveau von 2021.

Beim Blick auf die zweite Jahreshälfte hofft laut HDE-Umfrage nur jeder Fünfte (21%) auf Umsatzsteigerungen, mit Stagnation rechnen 40% und fast genauso viele (39%) befürchten einen Erlösrückgang. Damit rechnen für das Gesamtjahr 40% der Befragten damit, dass die Erlöse „deutlich über Vorjahr“ steigen werden oder „leicht über Vorjahr“ liegen. Überraschend ist, dass selbst bei den Multichannel-Händlern, die bei früheren Befragungen durchweg optimistischer waren als die stationären Einzelhändler, die Stimmung nicht mehr so gut ist wie früher. So rechnet knapp die Hälfte dieser Händler (48%), dass ihre Online-Umsätze 2021 stagnieren werden. Jeweils 26% rechnen mit einer Steigerung oder einem Erlösrückgang.

Der Grund, weshalb der Online-Handel in diesen Zeiten an Triebkraft verliert, liegt auf der Hand. „Die steigende Inflation schmälert die Kaufkraft der Kundinnen und Kunden massiv. Gleichzeitig geraten die Gewinne der Unternehmen durch stark steigende Kosten unter Druck“, stellt Genth fest. Diesem Trend kann sich auch der zuletzt verwöhnte Online-Handel nicht entziehen. Denn laut HDE führen die stark steigenden Preise – zuletzt lag die Inflationsrate hierzulande bei 7,6% und in der Euro-Zone bei 8,6% – zu einem deutlich veränderten Konsumverhalten. Dabei dürften insbesondere die unteren Einkommensschichten in ihren Wahlmöglichkeiten und beim Einkaufsvolumen beschränkt werden.

Preissteigerungen verändern die Sortimentsstruktur

Denn Preissteigerungen haben laut HDE Auswirkungen auf die Sortimentsstruktur, das heißt auf die Marken und die Preislagen, auf die Wahl der Einkaufsstätten – es wird erwartet, dass die Discounter gegenüber den Supermärkten gewinnen könnten – und auf das Branchengefüge, was bedeuten könnte, dass bei Nonfood-Artikeln mehr gespart wird, weil das Geld nicht reicht, wenn Lebensmittel, Strom und Gas oder Heizöl bezahlt sind. Hinzu kommt die Frage, ob man in Urlaub fährt oder sich eine  Anschaffung im Handel leistet.

Verschärft wird die Lage noch dadurch, dass die „gefühlte Inflation“ bei den Bundesbürgern in der Regel höher ist als die tatsächlich gemessene Preissteigerung, was die Kaufzurückhaltung zusätzlich vergrößern könnte. So erwartet der Verband, dass auch Themen wie Nachhaltigkeit und der Kauf von Mehrwertprodukten unter Druck geraten könnte. „Davon sind vor allem Bio-Produkte betroffen, aber auch regionale und Fair Trade Sortimente.“ Das könnte den durch Corona initiierten Trend zu mehr Nachhaltigkeit wieder dämpfen, weil schlicht das Geld dafür fehlt.

Insgesamt prognostiziert der HDE vor dem Hintergrund dieser Widrigkeiten, dass der deutsche Einzelhandel 2022 dennoch nominal um 3% auf 607,1 Mrd. Euro wächst. Nach Abzug der Preissteigerung würde der Umsatz real allerdings um 2% sinken. Dabei läge das nominale Plus im stationären Einzelhandel nur bei 1,4% oder rund 7 Mrd. Euro auf 509,7 Mrd. Euro (siehe Grafik) und im Online-Handel bei 12,4% oder 10,7 Mrd. Euro auf 97,4 Mrd. Euro.

Aus Sicht von HDE-Hauptgeschäftsführer Genth muss die Bundesregierung „auf die aktuellen Herausforderungen noch entschlossener und zielgerichteter reagieren“. Seine Sorge ist, dass die Unternehmen durch die ungebremst steigenden Energiepreise überlastet werden könnten. Deshalb fordert er, dass die bestehenden KfW-Kredit-Programme für die Unternehmen, die von den hohen Energiepreisen überfordert sind, angepasst werden. Denn gegenwärtig können die „meisten Handelsunternehmen aufgrund der falsch angesetzten Zugangshürden nicht daran teilhaben“. Zudem sollte die Stromsteuer auf ein Minimum reduziert werden.

Und um die Kaufkraft der Bundesbürger zu stärken, fordert der Verband unter anderem die Abschaffung der kalten Progression und die Entlastung von Geringverdienern. Sonst könnte vielen Verbrauchern die Kaufkraft fehlen, um über den privaten Konsum die Konjunktur zu stärken.