Innenstädte auf dem Prüfstand

Je spannender der Einzelhandel, desto höher der Erlebniswert einer Stadt

Leipzig besticht mit Flair und gutem Einzelhandel. Foto: Comfort

Mit der Tristesse, die der Lockdown in Deutschlands Innenstädte gebracht hat, nimmt die Vision von der Innenstadt ohne Einzelhandel realistische Züge an. Welche große Bedeutung die Mehrheit der typischen Innenstadtbesucher dem Einzelhandel jedoch beimisst, zeigt die jüngste Studie „Vitale Innenstädte“ des IFH zu Köln.

Der innerstädtische Nonfood-Einzelhandel ist schon seit Jahren in der Orientierungsphase. Rezepte der Vergangenheit, die auf der Philosophie basierten, viel Ware zu günstigen Preisen in den Markt zu drücken, funktionieren schon länger nicht mehr. Zumal der Online-Handel ohne teure Geschäfte in der City das Massengeschäft meist billiger kann. Vor diesem Hintergrund registrierten die stationären Bekleidungs- oder Schuhgeschäfte allenthalben eine sinkende Frequenz vor ihren Läden. Hinzu kommt in der Fashionbranche ein nicht immer glückliches Händchen mit den Modetrends, die oft auch am Bedarf vieler Kunden vorbeigehen.

Mit den Zwangsschließungen zur Pandemie-Bekämpfung wächst der Druck auf die Städte zusätzlich und die Frequenz erleidet einen Einbruch in einem nicht gekannten Ausmaß, während der Online-Handel zwangsläufig noch mehr profitiert, wie es in der jüngsten Studie „Vitale Innenstädte“ des IFH in Köln heißt. Mit Blick auf die Tatsache, dass sich zwei Drittel der innerstädtischen Einzelhändler durch die langen Zwangsschließungen inzwischen in ihrer Existenz bedroht sehen, nimmt die Vision vom Ende des innerstädtischen Einzelhandels und einer Innenstadt ohne Handel schon realistische Züge an.

Deshalb war die Befragung der 57 863 Besucher*innen zu ihren Verhaltensweisen, Einschätzungen und Bewertungen über die Cities im September und Oktober 2020 in 107 deutschen Innenstädten so wichtig für die aktuelle Standortbestimmung. Dabei fiel die Antwort – wie schon in den drei früheren Befragungen, die das IFH alle zwei Jahre durchführt – eindeutig aus: Für die Mehrheit der Befragten (61%) ist Einkaufen und der Einkaufsbummel das Besuchsmotiv „Nummer eins“. Am Samstag galt das sogar für 67%. Gefragt wurde an Donnerstagen und an Samstagen.

Erst mit deutlichem Abstand folgten Motive wie der Besuch von Cafés, Restaurants oder Kneipen mit 26%, vor Gründen wie Behördengänge, Arztbesuche, der Gang zur Arbeit oder zu Ausbildungsstätten mit 17%. An den Donnerstagen liegt der Anteil hier mit 25% aber deutlich höher. Zu Dienstleistern wie Frisöre gingen 14%, genauso viele, wie in die City kommen, um Freizeit- oder Kulturangebote zu nutzen oder zum Sightseeing. Der Anteil der Befragten, der in der City wohnt, liegt bei 16%.

Damit gilt der Handel auch in Corona-Zeiten als Hauptanziehungspunkt der Cities. Das lässt sich im aktuellen Shutdown auch an den weitgehend leeren Einkaufsstraßen ablesen. Selbst die Frequenz-starken Nahversorger entfalten in den Innenstädten nur begrenzte Zugkraft. Während des „Lockdowns light“ im November mit der Schließung der Gastronomie wurde zudem deutlich, welche Verbindung sich zwischen Shopping und Entspannung in Restaurants oder Cafés entwickelt hat. Denn schon damals war die Frequenz etwas gesunken.

Der Einzelhandel gilt als Hauptanziehungspunkt

Vor diesem Hintergrund gilt: „Je spannender der Einzelhandel, umso höher wird auch der Erlebniswert einer Stadt gesehen“, stellte der Geschäftsführer des IFH Köln, Kai Hudetz, bei Vorstellung der Studie während des Deutschen Handelsimmobilien-Kongresses fest.

Was die Zwangsschließungen gleichermaßen offenlegten, war, dass die Digitalisierung der Innenstädte vorangetrieben werden muss und sich die Städte etwa durch den passenden Onlineauftritt zukunftsorientierter positionieren müssen. „Hier besteht Handlungsbedarf – schließlich kaufen zwei Drittel der Innenstadtbesucher*innen (auch) online ein“, schreiben die Experten. Gemäß Studie sieht fast jeder zweite Befragte in diesem Punkt noch Nachholbedarf, weil die Städte nicht zukunftsorientiert und digital nicht gut aufgestellt seien.

Denn obwohl die 107 Städte zum größten Teil durchaus positiv bewertet wurden, muss der Transformationsprozess aus Sicht von Markus Preißner, wissenschaftlicher Leiter am IFH Köln „jetzt eingeläutet werden, denn die Coronapandemie hat den Strukturwandel weiter enorm beschleunigt“. Das zeigt der Anstieg der Online-Bestellungen während des Shutdowns. Deshalb war die Untersuchung in diesem Jahr laut Preißner auch von so großer Relevanz.

Zu den Erkenntnissen des Corona-Jahres gehört denn auch, dass die Innenstädte für jüngere Zielgruppen attraktiver werden müssen. Das zeigt der Blick auf die Altersgruppen und ihre Präferenzen. Ist der Anteil der älteren Innenstadtbesucher (51 Jahre und mehr), die primär zum Einkaufen in die City kommen, mit 65% am höchsten, so sind es in der Gruppe der Unter-25-Jähigen mit 50% schon deutlich weniger. Die Altersgruppe der 26- bis 50-Jährigen liegt mit 61% dazwischen.

Die Cities müssen für Jüngere attraktiver werden

Laut Studie sind bei den Jüngeren (bis 25 Jahre) neben dem Einkaufsbummel die Gastronomie (28%) sowie der Gang zu den Behörden oder zum Arzt (23%) eher der Anlass für den Innenstadtbesuch. Bei den Älteren (ab 51) liegt der Anteil bei 26% bzw. 14%. „Für die Praxis bedeutet das: Ein Blick auf die Einwohnerstruktur und die speziellen Bedarfe der Zielgruppen vor Ort ist unerlässlich bei der Konzeption zukunftsfähiger Innenstadtmodelle,“ schreiben die IFH-Experten deshalb.

Nach den Worten von IFH-Geschäftsführer Boris Hedde ist es bei der Revitalisierung von Innenstadtlagen nach den Zwangsschließungen wichtig, die „anbieterzentrierten Strategien“ durch „nachfrageorientierte Konzepte“, die sich an den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppen orientieren, zu ersetzen. Allerdings gehe es dabei nicht um „radikale Disruption“, sondern um die kontinuierliche, ausbalancierte Anpassung der Konzepte an den lokalen Bedarf. Denn die Macht geht von den Stadtbesuchern aus, die nur kommen, wenn es ihnen etwas bringt – einkaufen können sie auch im Internet. Deshalb müssen die Innenstädte heute mehr bieten.

Diese Einschätzung teilt auch Jürgen Block, Geschäftsführer der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V. (BCSD), der bundesweit über 400 Städte angeschlossen sind: „Wenn unsere Innenstädte attraktiv bleiben sollen, muss Stadtentwicklung von den Bedürfnissen der Menschen aus gedacht werden.“ Denn vor allem die Jüngeren wollen neben dem Einkauf etwas erleben und suchen in den Cities Treffpunkte für sozialen Kontakte. In diesem Kontext muss sich auch der stationäre Einzelhandel laut Block an diese Ansprüche anpassen, indem er seine Geschäftsräume persönlich sowie service- und erlebnisorientiert gestaltet und sich „als Teil der Stadtgesellschaft begreift“.

Die Herausforderung besteht laut Studie deshalb darin, Ältere weiterhin an die Innenstädte zu binden und gleichzeitig die jüngeren Besucher mit attraktiven Angeboten für den Stadtbesuch zu begeistern. Denn der Anteil der Besucher unter 25 ist zwischen 2016 und 2020 von 21% auf 16% gesunken und das Durchschnittsalter der Besucher von 45,2 auf 47,5 gestiegen. Frauen waren mit einem Anteil von 57% in der Überzahl. Mit Blick auf die heterogenen Anforderungen und Erwartungen der Besucher ist laut IFH eine konsequente Ausrichtung auf die Zielgruppen notwendig.

Wachsende Qualitätsansprüche und den Aspekt des Gemeinwohls hat auch die Neue Leipzig Charta im Rahmen der Stadtentwicklung für die Gestaltung des öffentlichen Raums formuliert: „Qualitativ hochwertige, für alle offene und sichere öffentliche Räume machen die Stadt lebendig: Sie schaffen Räume für Begegnungen, Austausch und Integration“, heißt es hier. Ziel sind kompakte, sozial und wirtschaftlich gemischte Städte mit guter Infrastruktur und einem gesunden Stadtklima. Und das vor dem Hintergrund einer „qualitativ hochwertigen Baukultur“.

Auch der öffentliche Raum ist sehr wichtig

Aus Sicht von Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), ist ein attraktives öffentliches Umfeld denn auch wichtig, um die Investitionen privater Anleger anzuregen. Zumal es im Bestand vieler deutscher Innenstädte großen Revitalisierungsbedarf gibt. Damit Städte und Kommunen den Bedarf vor Ort sauber ermitteln und die erforderlichen Maßnahmen für die Gestaltung ihres Stadtzentrums ergreifen können, erneuert Genth die Forderung des Verbands nach einem Innenstadtfonds mit einem Volumen von 500 Mio. Euro jährlich für die nächsten fünf Jahre, etwa für ein bundesweites Leerstands-Verzeichnis oder die Erstellung individueller Innenstadtkonzepte für jede Kommune. Außerdem ist es für die attraktive Gestaltung der Stadtzentren laut IFH notwendig, die Verantwortlichen von Städten, Einzelhandel und Immobilienwirtschaft an einen Tisch zu bringen.

Eine Chance für Kleinstädte eröffnet die Tatsache, dass die Wertschätzung für den Einzelhandel und andere innerstädtische Angebote 2020 zugenommen hat. Womöglich haben die Zwangsschließungen dazu beigetragen, die Bedeutung des stationären Handels für das eigene Leben neu zu justieren. Außerdem verzichten mehr Menschen auf den Trip in die Großstädte, weshalb diese auch besonders unter dem Lockdown leiden.

Diese neue Wertschätzung für den stationären Handel vor Ort könnte auch ein Grund dafür sein, dass sich die durchschnittliche Benotung der Städte im Vorjahr in punkto „Attraktivität“ leicht von einer 2,6 auf eine 2,5 verbessert hat. Die gleiche Benotung wurde für das „Einzelhandelsangebot“ (siehe Grafik) ermittelt. Gleichwohl bleibt auch bei dem verbesserten Wert laut IFH noch Luft nach oben. In punkto Flair, Ambiente und Atmosphäre verbesserte sich die Durchschnittsnote der 107 Städte von 2,5 (2018) auf 2,4.

Dramatisch für die weitere Entwicklung der Innenstädte ist aber der Blick auf die Branchen, die als Leitbranchen gesehen werden wie der Einzelhandel mit Bekleidung (53%) und Schuhen/Lederwaren (54%), wobei die Bedeutung für Ältere größer ist als für die Unter-25-Jährigen mit 45%. Und diese Leitbranchen leiden extrem. So hat der stationäre Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren im Januar nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes real 76,6% seines Umsatzes eingebüßt. Gleichzeitig stieg der Marktanteil des Online-Handels in den Branchen laut IFH auf 30%.

Bei Leitbranchen wie Elektronik/Computer erreicht der Online-Handel einen Anteil von 34%, bei Uhren und Schmuck von 18% und bei Sport, Spiel, Hobby von 28%. Je länger sich der Shutdown hinzieht, umso mehr werden diese Einzelhändler in Existenznot geraten, so dass die Gefahr besteht, dass viele Filialen ganz schließen, was auch die Cities schädigt.