Weihnachtsmärkte und Stadtfeste

Höhere Sicherheitsanforderungen bringen Weihnachtsmärkte in Gefahr

Weihnachtsmärkte für den sozialen Zusammenhalt. Foto: Christmasworld

Einkaufen geht auch im Internet, wie der stationäre Einzelhandel aus schmerzlicher Erfahrung weiß. Ein Großteil der Kunden findet das auch angenehm. Deshalb ist es wichtig, dass die Innenstädte und der Einzelhandel etwas bieten, das der Internet-Handel niemals bieten kann: Das sind Veranstaltungen wie Stadtfeste, Open-Air-Konzerte und vor allem Weihnachtsmärkte mit echten Menschen. Doch über diese gesellschaftlichen Treffen legt sich ein langer Schatten, wie die Umfrage der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland zeigt.

„Wenn Innenstädte veröden, verliert die Gesellschaft Orte des Austauschs und des Zusammenhalts“, verdeutlicht Gerold Leppa, Bundesvorsitzender der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland (BCSD), die Brisanz des Problems bei Vorstellung der Studie „Stadtmarketing im Profil – Veranstaltungen im öffentlichen Raum“, für die bundesweit 258 Stadtmarketingorganisationen befragt wurden. An diese Verödung haben die Deutschen aus den Zeiten der Zwangsschließungen zur Pandemiebekämpfung zweifellos noch lebhafte Erinnerungen. „Genau deshalb müssen wir uns auch dafür einsetzen, dass diese Orte funktionieren, dass sie tatsächlich das Miteinander fördern und alle Bewohner der Stadt einladen“, so Leppa weiter, damit sogenannte „lost places“ gar nicht erst entstehen.

In diesem Kontext bestätigt auch der Blick auf die Ergebnisse der BCSD-Umfrage, dass aus Sicht aller Befragten (100% der Nennungen) der zentrale Grund für die Ausrichtung von Veranstaltungen der gesellschaftliche Nutzen für die Belebung der Innenstädte ist. Auch andere Umfragen belegen die hohe Bedeutung von Stadtfesten und Weihnachtsmärkten für Innenstadt und Einzelhandel. Zudem werden durch solche Veranstaltungen das Image und die Identität einer Stadt geprägt (94,9% der Nennungen) und der zivilgesellschaftliche Zusammenhalt (86,3%) gefördert.

Doch mehr noch: Aus Sicht der Bundesvereinigung ist „Stadt gleich Leben“ und die Demokratie beginne dort, wo sich die Menschen begegnen. Deshalb sind Innenstädte aus Sicht der Experten mehr als Einkaufszonen mit wirtschaftlichen Problemen – vielmehr seien sie Orte, an denen sich Menschen „außerhalb ihrer Nachbarschaften und digitalen Plattformen begegnen, austauschen, einkaufen, Kultur genießen, lernen, sich um ihre Gesundheit kümmern und ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen, demonstrieren und nicht zuletzt auch gemeinsam feiern“. In einer Zeit, in der die Digitalisierung und die virtuelle Welt immer mehr Raum greifen – etwa im Berufsleben oder bei der ständigen Nutzung von Smartphones – wird dieser Bezug zur realen Welt immer wichtiger.

So konstatiert Gerold Leppa auch im Vorwort der BCSD-Studie, dass „gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels, der wachsenden Individualisierung und der digitalen Kommunikation der Wunsch nach echten, verbindenden Momenten im analogen Raum größer denn je werden. Und hier sieht das Stadtmarketing seine Schlüsselrolle, indem es die „Veranstaltungen initiiert, kuratiert und inszeniert“.

Der Bezug zur realen Welt wird heute immer wichtiger

Zu den häufigsten Veranstaltungsformaten gehören allen voran die typischen deutschen Weihnachtsmärkte (69% der Nennungen), die sogar ein Exportschlager sind und auch in England Fuß gefasst haben. Knapp dahinter folgen Stadtfeste mit 68% und verkaufsoffene Sonntage mit 63%, um deren Ausrichtung es aber immer wieder Konflikte mit den Gewerkschaften gibt, die Sonntagsarbeit für ihre Mitglieder verhindern möchten. Das dürfte auch einer der Gründe dafür sein, weshalb der Anteil der großstädtischen Stadtmarketingorganisationen, die verkaufsoffene Sonntage organisieren, seit 2017 von 77,4% auf 63,9% gesunken ist.

Ansonsten ist die Bedeutung der Top 3-Veranstaltungen laut BCSD-Studie in den vergangenen Jahren noch weitergewachsen, was angesichts des zunehmenden Interesses an Freizeitaktivitäten – etwa neben dem Einkaufen – nicht verwundert. So ist der Anteil der Stadtmarketingorganisationen, die in kleineren Städten Weihnachtsmärkte organisieren, gegenüber 2017 von 63,3% auf heute 82,2% gestiegen. Aber auch in größeren Städten und bei anderen Veranstaltungsformaten haben die Anteile zugenommen oder haben sich gegenüber 2017 nicht vermindert.

Jenseits der Top-3-Veranstaltungen hat sich aber auch die Vielfalt vergrößert. So organisieren Stadtmarketingorganisationen laut Studie inzwischen auch Formate wie Street-Food-Märkte, Abendmärkte, Themenfeste und mehrwöchige Veranstaltungsangebote, z. B. Eisbahnen, City Beaches oder Kunst im öffentlichen Raum. Dabei hat vor allem die Zahl der Abendmärkte seit 2017 sehr deutlich zugenommen – vor allem in den Städten mit mehr als 50 000 Einwohnern. Streetfood-Märkte haben dagegen vor allem in den Kleinstädten mit bis zu 20 000 Einwohner deutlich zugelegt, sind in den größeren Städten nur wenig gewachsen und haben in den Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern sogar verloren.

Mit Blick auf die Frage, was die richtige Veranstaltung für die jeweilige Stadt ist, kommt das Gros der Befragten (71,2%) zu dem Ergebnis, dass das Veranstaltungsformat einen Beitrag „zur Stadtidentität und zum Image der Stadt“ leisten sollte. Wichtig (70,2% der Nennungen) ist zudem die Umsetzbarkeit der Veranstaltung mit den vorhandenen Ressourcen. Andere Themen wie die Finanzierung und die Förderfähigkeit stehen mit 48,5% der Nennungen dahinter zurück. Auch ist es empfehlenswert frühzeitig mit der Planung (76,5%) zu beginnen und die relevanten Akteure (81,2%) rechtzeitig einzubeziehen. Dass die Werbung für die Veranstaltungen (70,6%), der Programminhalt (67,9 %) und das gastronomische Angebot (62,6%) stimmen müssen, liegt auch auf der Hand.

Organisationen stehen vor belastenden Herausforderung

Mit der wachsenden Beliebtheit von Veranstaltungen in Deutschland sind in den vergangenen Jahren aber auch die Gefahren gestiegen, da Menschenansammlungen leicht Ziele von Terroranschlägen werden können. Stichworte sind der Angriff auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheitplatz, die Messerattacke in Solingen und der Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg, der sich jetzt gejährt hat. Der Prozess gegen den Attentäter wurde vor einigen Wochen eröffnet.

Deshalb stehen die Organisationen vor weiteren belastenden Herausforderungen. Mit 93,3% der Nennungen gehören dazu die heute erforderlichen Sicherheitskonzepte und der Brandschutz sowie die hohen Kosten für Sicherheit, GEMA-Gebühren und Künstlersozialkasse mit 89,2% der Nennungen. Laut BCSD belasten diese Auflagen im Vergleich zu 2017 alle Stadtgrößen allerdings die größeren mehr als die kleineren. Große Sorgen bereitet auch die unsichere Finanzierung, die mit solchen Großveranstaltungen verbunden sind.

Mit Verweis auf das alarmierende Beispiel Magdeburg stellt denn auch der BCSD-Bundesvorsitzende Leppa fest, dass die notwendigen Schutzvorkehrungen nach Einschätzung der Behörden selbstverständlich gewährleistet sein müssen, damit Menschen friedlich feiern können. Aber die Übernahme von Verantwortung und Schutzvorkehrungen, die deutlich verschärft wurden, müssten auch tragbar bleiben, mahnt er (Grafik unten: BCSD).

Denn für die Barrieren, Sicherheitskonzepte und das Zusatzpersonal müssen die Veranstalter und die Kommunen mittlerweile hohe Summen investieren. 75,7% der Befragten gaben an, dass sie neben den Personal- und Sachkosten Geld zuschießen müssten und nur 1,6% der Befragten verzeichnen im Gesamtjahr noch einen finanziellen Überschuss. Mehr als die Hälfte musste das Veranstaltungsangebot deshalb bereits reduzieren.

Vor diesem Hintergrund mahnt die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland dass staatliche Aufgaben wie die Gefahrenabwehr nicht auf die Veranstalter abgewälzt werden dürften und fordert „bundeseinheitliche Sicherheitsrichtlinien, klare Verantwortungsübernahme des Staates und finanzielle Entlastungen für Veranstalter“. Da sich das Stadtmarketing bundesweit dafür einsetzt, „dass das gesellschaftliche Miteinander lebendig bleibt“, brauchten die Organisationen verlässliche Rahmenbedingungen und „in Zeiten knapper kommunaler Kassen Förderprogramme auf Bundesebene wie das auslaufende Programm Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren, so die Forderungen.