HIR DÜSSELDORF. Mit Blick auf die erste Sitzung der Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen, fordert der Handelsverband Deutschland (HDE) „eine umfassende und ehrliche Aufarbeitung der Zeit der Pandemie sowie der staatlichen Maßnahmen“. Denn die Folgen für den Nonfood-Handel im Allgemeinen und den klassischen innerstädtischen Handel sowie die Innenstädte selbst im Besonderen sind unübersehbar.
Als sich die Bundesregierung im Dezember 2020 mit dem Wiederaufflammen der Pandemie entschloss, ab 15. Dezember das öffentliche Leben – bis auf den Lebensmittelhandel – erneut lahmzulegen, warnten Experten vor den gravierenden Folgen für Deutschlands Innenstädte durch die Beeinträchtigung des Einzelhandels. Schon vor diesem Datum musste die Gastronomie schließen, wodurch die Frequenz in den Cities bereits beeinträchtigt worden war. Für den Einzelhandel wurde das wichtige Weihnachtsgeschäft um gut zwei Wochen verkürzt.
Besonders der Mode-Handel, dem in den Wochen nach Weihnachten die Frühjahrskollektion geliefert wurde, kam massiv unter Druck, weil er die Ware in den nächsten Wochen nicht verkaufen und damit auch kein Geld erzielen konnte, um die Ware zu bezahlen, was wiederum die Hersteller belastete. Als die Beschränkungen peu à peu aufgehoben wurden, drängte schon die Sommerkollektion auf den Markt. Saison-Ware ist in Deutschland – anders als in südlichen Ländern – auf Grund der großen Temperaturunterschiede zwischen den Jahreszeiten ein sehr verderbliches Gut.
Drei Insolvenzen beim Warenhaus-Betreiber Galeria Karstadt Kaufhof und zwei Insolvenzen beim Traditionsschuhhändler Görtz mit umfangreichen Filialschließungen, das Verschwinden von Esprit vom Markt und die erneute Insolvenz von Gerry Weber sowie die Insolvenz von Peek & Cloppenburg Düsseldorf (ohne Filialschließungen), sind Beispiele, die den Aderlass in den Innenstädten belegen. Von den zahlreichen Fachhändlern, die lautlos vom Markt verschwunden sind, weil sie die Zwangsschließungen zum denkbar falschen Zeitpunkt traf, ganz zu schweigen.
Vor diesem Hintergrund fordert der Handelsverband Deutschland (HDE), dass bei der Aufarbeitung der staatlichen Maßnahmen von damals durch die Enquete-Kommission auch die bis heute spürbaren wirtschaftlichen Folgen im Einzelhandel eine Rolle spielen müssten. Ziel müsse es sein, für vergleichbare Situationen in Zukunft besser vorbereitet zu sein und zielgenauer zu handeln. Mit Blick auf die Stress- und Ausnahmesituation für die gesamte Gesellschaft ist es laut HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth notwendig, die Folgen der nicht immer zielgenauen Maßnahmen, „schonungslos anzusprechen und Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen“. Bei einem nächsten Mal müssten alle besser vorbereitet sein.
Mit Blick auf das existenzbedrohende Desaster der Pandemie und der Bekämpfungsmaßnahmen für die Handelsunternehmen konstatiert Genth, dass „die Ladenschließungen kein probates Mittel zur Eindämmung der Pandemie waren und trotzdem wochenlang aufrechterhalten“ wurden. Als Beleg dafür kann beispielsweise angeführt werden, dass auch die normal geöffneten Lebensmittelmärkte keine Hotspots für Corona-Ansteckungen waren. Unter den entsprechenden Sicherheitsbedingen hätten auch Nichtlebensmittel verkauft werden können. Laut Genth muss auch in Ausnahmesituationen gelten, „dass solch weitreichende Eingriffe gut begründet und nachgewiesenermaßen zielführend sein müssen“.
Dass der Einzelhandel die Folgen bis heute noch spürt, ist aus Sicht des HDE-Hauptgeschäftsführers auch daran abzulesen, dass die Konsumstimmung das Vor-Corona-Niveau von 2019 noch nicht wieder erreicht hat: „Verluste in Milliardenhöhe sorgten für tausende Schließungen in der Branche. Die staatlichen Hilfen reichten dabei nicht einmal ansatzweise, um die erlittenen Verluste wieder auszugleichen“, zählt Genth weiter auf: „Im internationalen Vergleich ist Deutschland zwar ganz gut durch die Pandemie gekommen, der Einzelhandel aber hat enorm gelitten.“
Mit Blick auf die zentrale Bedeutung des Einzelhandels für die Gesellschaft hat nach seinen Worten die Schließung vieler Läden auch die Verödung vieler Innenstädte enorm beschleunigt: „Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie-Maßnahmen treffen die gesamte Gesellschaft. Die Wirtschaft, das sind wir alle – ob als Arbeitgeber oder als Beschäftigte. Deshalb erwartet der Einzelhandel, dass die Enquete-Kommission (…) auch ausführlich über die ökonomischen Auswirkungen der Maßnahmen spricht. Es ist gut, dass dies nun in einem sachlichen Rahmen und ohne vorgegebene, das Ergebnis vorwegnehmende, Leitplanken geschehen kann.“



