Den EINEN Lebensmitteleinzelhandel in Europa gibt es nicht: Der Lebensmittelhandel in Europa unterscheidet sich deutlich von Land zu Land – je nach Marktstruktur, Konsumverhalten, Kultur, regulatorischem Umfeld und wirtschaftlicher Entwicklung.
Dabei stellt sich die Frage: Wie diversifiziert sind die Lebensmitteleinzelhandelsmärkte eigentlich in Europa? Stark konzentrierte Märkte finden sich in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Großbritannien und Skandinavien. Hier dominieren nur wenige Lebensmitteleinzelhandelsketten das Marktgeschehen. Diese Länder oder Regionen zeichnen sich durch eine harte Konkurrenz, einen Preisfokus und eine starke Verhandlungsmacht gegenüber Herstellern aus. In Italien, Spanien und Osteuropa herrscht ein höherer Anteil an unabhängigen Händlern und kleinen Supermärkten vor. Der traditionelle Einzelhandel spielt hier noch eine größere Rolle (z. B. Wochenmärkte).
Es finden sich auch große Unterschiede bezüglich der Dominanz unterschiedlicher Betriebstypen: In Deutschland, Polen, Ungarn und Österreich ist der Marktanteil des Betriebstyps Discounter mit einem klaren Preisfokus recht hoch. Dagegen sind in Frankreich, Italien, Spanien und Skandinavien Discounter weniger dominant, Supermärkte und Hypermärkte hingegen weit verbreitet.
Bei der Realisierung neuer Standorte zeigen sich ebenso Unterschiede. Während Märkte wie UK oder Spanien aktiv in Filialwachstum investieren, liegt der Fokus in gesättigten Märkten wie Deutschland weniger auf Neueröffnungen, als vielmehr auf der Modernisierung bestehender Filialen und zentral gelegenen, gemischten Nutzungskonzepten.
Der Einzelhandelsanteil an den privaten Konsumausgaben liegt im europäischen Durchschnitt bei rund 34% und unterscheidet sich je nach Land sehr. Grundsätzlich gilt, dass weniger entwickelte oder ärmere Länder einen höheren Prozentsatz ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, wohlhabendere Länder weniger. In vielen osteuropäischen Ländern fließt fast jeder zweite Euro in den Einzelhandel, allen voran in Ungarn (50%), Bulgarien (49%) und Kroatien (47%). Den letzten Platz belegt Deutschland, wo nur knapp 27% der Konsumausgaben in den Einzelhandel fließen. Italien rangiert mit 29% knapp vor Deutschland, Spanien und Frankreich hingegen weisen mit 37 bzw. 39% vergleichsweise hohe Quoten aus.
Ganz grundsätzlich zeichnet sich die Entwicklung in Europa durch stabil bis moderat steigende Umsätze aus. Erstmals seit 2020 stieg der inflationsbereinigte Umsatz im Lebensmittelhandel in Europa im Jahr 2024 wieder an – um 2,4%, wie McKinsey & Company errechnete. Ausschlaggebend waren hierbei in vielen europäischen Märkten die Inflationsentwicklung der vergangenen Jahre, das Konsumverhalten generell und pandemiebedingte Umsatzverschiebungen, die sich aber teilweise wieder normalisieren. Der Kernkanal für den Vertrieb von Lebensmitteln ist dabei nach wie vor der stationäre Einzelhandel. Der Onlinehandel mit Lebensmitteln wächst – aber sehr unterschiedlich in Europa.
Stabil bis moderat steigende Umsätze in Europa
Auch hier geht die Schere zwischen fortgeschrittenen Ländern und Ländern mit Nachholbedarf weit auseinander. Legt man den Fokus auf den Online-Handel, so hat Großbritannien, bedingt durch die dominant urbane Region Greater London mit rund 9 Mio. Einwohnern, mit rund 9% einen recht hohen Anteil. Alle übrigen europäischen Länder weisen – schon immer – deutlich geringere Quoten auf. Bei vielen Ländern bewegen sich diese zwischen 1,5 und 3,0%. Ausschlaggebend für diese geringen Quoten sind in den meist polyzentrischen Ländern eine aufwendige und teure Logistik, Margenprobleme und eindeutige Kundenpräferenzen. Diese Kriterien sind ausschlaggebend für ein schwaches Wachstum; wenn auch Corona einen Zwischenschub beim Online-Handel mit Lebensmitteln geleistet hat, hat sich in der Post-Corona-Zeit das Wachstum wieder deutlich verlangsamt und das Marktgeschehen ist von Insolvenzen und Übernahmen geprägt.
Fazit: So unterschiedlich der europäische Markt für Lebensmitteleinzelhandelsimmobilien ist, so spannend ist er. Versteht man die unterschiedlichen Märkte, bieten sich momentan beim Aufbau eines paneuropäischen Portfolios große Chancen wie lange nicht mehr. Kenntnis der lokalen Unterschiede ist der Schlüssel für intelligente Diversifikation und Wertsteigerungsstrategien. Insbesondere in Zeiten volatiler Zinssätze, eingeschränkter Kapitalzugänge und dem anhaltenden Bedarf an Nahversorgungsflächen bietet der Lebensmitteleinzelhandel robuste, verlässliche Investitionsmöglichkeiten mit paneuropäischem Hebel.
*) Der Artikel wurde dem GRR Basic Retail Report 2025 entnommen



