rv DÜSSELDORF. Der Strukturwandel im stationären Einzelhandel und damit in den Stadtzentren ist vielerorts deutlich zu sehen. Um Abhilfe zu schaffen und wichtige neue Impulse zu setzen, präsentieren der Handelsverband Deutschland (HDE) und der Deutsche Städtetag einen Katalog aus fünf Maßnahmen und fordern eine enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen.
Marktplätze stehen heute für die ursprünglich gelebte Innenstadt. Sie verkörpern im eigentlichen Sinne das, was unter einem lebendigen und bodenständigen Stadtzentrum verstanden wird: Miteinander zu handeln und eigene Erzeugnisse gegen andere auszutauschen, um das Lebensnotwendige zu erwerben, aber auch, um ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Feste zu feiern. Das ist das Fundament europäischer Innenstädte. Daraus hat sich die Gleichsetzung von Stadt und Handel als Schicksalsgemeinschaft entwickelt. Und auch heute noch sind der Handel mit Waren in Verbindung mit den bunt geschmückten Schaufenstern der sich aneinanderreihenden Läden die prägensten Elemente einer Innenstadt, die sich durch Kunst und Kultur, Theater und Gastronomie zwar abrunden, aber nicht ersetzen lassen.
Damit trifft die fortschreitende Verlagerung vieler Einkäufe ins Internet in Verbindung mit der sinkenden Frequenz und steigendem Leerstand als Folge von Insolvenzen und Geschäftsaufgaben die Lebendigkeit vieler Innenstädte ganz unmittelbar. Hinzu kommt, dass im mittelständischen Facheinzelhandel die Nachfolge oft ein großes Problem darstellt, sodass gut laufende Läden geschlossen werden, weil niemand das Geschäft weiterführt. Einzelhändler zu sein ist derzeit offenbar kein Traumberuf.
„Wenn Geschäfte schließen müssen, verliert eine Kommune (…) weitaus mehr als nur ihre wirtschaftliche Substanz – sie verliert jedes Mal einen Pfeiler ihres sozialen Zusammenhalts“, stellt Alexander von Preen, Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE), deshalb fest. Wie schwierig die Lage des innerstädtischen Einzelhandels hierzulande ist, ist aus seiner Sicht an den vielerorts wachsenden Leerständen abzulesen. So werden laut von Preen in diesem Jahr knapp 5 000 Geschäfte ihre Türen für immer schließen, wobei die Neugründungen schon gegengerechnet sind: „Viele Innenstädte sind schon auf der Intensivstation.“
Um diesem Abwärtstrend entgegenzuwirken haben der Deutsche Städtetag und der Handelsverband Deutschland fünf Maßnahmen ausgearbeitet, um in Zusammenarbeit mit Bund, Ländern, Gemeinden und den Immobilieneigentümern neue Impulse für die Stärkung der deutschen Innenstädte zu setzen. Denn, wie Christian Schuchardt, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags in einem Gastbeitrag für die Fachzeitschrift für Landschaftsarchitektur „Garten und Landschaft“, ausführt, ist die City „ein bedeutender Gradmesser dafür, ob Menschen ihre Stadt als attraktiv und lebenswert empfinden.“ Hier haben der Strukturwandel im stationären Handel und die Schließung von Kaufhäusern und leerstehende Läden die Vielfalt des Angebots spürbar gemindert.
Unter Punkt 1 ihres Maßnahmenkatalogs plädieren der HDE und der Deutsche Städtetag dafür, dass die Kommunen finanziell handlungsfähig gemacht werden, damit sie den finanziellen Spielraum haben, um in den öffentlichen Raum zu investieren. Denn auch der öffentliche Raum mit Ruhe- und Grünzonen sowie Sitzgelegenheit gehören für die Stadtbesucher zur Attraktivität einer City. „Hierfür ist in erster Linie eine Neuordnung der Kommunalfinanzen erforderlich“, schreiben HDE und Städtetag: „Ansonsten können die bestehenden Förderprogramme ihre Wirkung nicht mehr entfalten.“
Auch die Immobilieneigentümer sind gefordert
Mit Blick auf die schwierige Lage für den stationären (Nonfood)Handel machen sich die Organisationen unter Punkt 2 für eine Gründungsoffensive für den Innenstadthandel stark: „Leerstände sollen gezielt auch für Handelsgründungen genutzt werden, um den Branchenmix zu stärken und Innenstädte wirtschaftlich zu beleben“, heißt es auch an die Adresse der Immobilieneigentümer gerichtet, deren Mitwirkung gefordert ist. Denn Neugründungen erwirtschaften meist keine hohen Mieten, sodass Investoren vorübergehend niedrigere Renditen in Kauf nehmen und das Engagement als Investition in die Zukunft verbuchen müssen. Zudem seien flankierende Instrumente zur wirtschaftlichen Unterstützung der Offensive nötig, heißt es.
Unter Punkt 3 wird eine Modernisierung des Rechts und die Schaffung von Planungssicherheit gefordert. Dabei räumen die Organisationen zwar ein, dass die Novellen des Baugesetzbuchs in die richtige Richtung gehen, aber noch nicht ausreichen: „Bis zum Ende der Legislatur muss eine grundlegende große Novelle vorbereitet werden, die weitere Erleichterungen für Umnutzungen, Zwischennutzungen und Nutzungsmischung beinhaltet“, heißt es. Denn mit Blick auf die Tatsache, dass die Verkaufsfläche pro Kopf in Deutschland mit 1,45 qm (GfK) im europäischen Vergleich sehr hoch ist, viele Einzelhändler mit Blick auf ihre Multichannel-Strategien aber weniger Verkaufsfläche benötigen und Handel in den oberen Etagen von Kaufhäusern immer weniger funktioniert, ist es notwendig, Mieter aus anderen Branchen zu gewinnen. Denn laut Schuchardt sollten die urbanen Zentren grundlegend neu gedacht werden. Damit die Innenstadt der Zukunft resilienter und zugleich lebenswerter gestaltet wird, geht es aus seiner Sicht darum, „neben den üblichen Geschäften auch immer mehr Kultur- oder Bildungsangebote sowie Umnutzungen in Wohnraum oder für Hotels und auch mehr Grün“ zu bieten. Trends müssten frühzeitig erkannt werden und positiven Entwicklungen müsste der Weg geebnet werden. „Vielfalt macht die Innenstädte attraktiv und belebt Quartiere nachhaltig“, so der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags weiter: „Davon profitieren am Ende alle.“
Unter Punkt 4 schlagen die Partner vor, auch die Menschen vor Ort in die Innenstadtentwicklung mit einzubinden, um die Stadtgesellschaft zu aktivieren. Dahinter steht die Einstellung, dass Innenstädte auch vom Engagement ihrer Bewohner leben. Deshalb fordern HDE und Städtetag solche Engagements etwa in Form von bundesweiten Mitmachinitiativen zu unterstützen, um die Identifikation mit der Stadt zu fördern.
Neben staatlichen Fördermitteln ist es laut HDE-Präsident von Preen auch dringend geboten, mehr privates Kapital für Investitionen in die Innenstädte zu mobilisieren. Deshalb wird unter Punkt 5 gefordert private Investitionen zu stärken – etwa durch bessere öffentlich-private Partnerschaften und die Weiterentwicklung von Business Improvement Districts (BIDs) zu erleichtern. Als Beispiele nennen die Organisatoren vereinfachte Gründungsverfahren, längere Laufzeiten und größere Flexibilität bei der Mittelverwendung. Gerade die Stadt Hamburg hat ihre innerstädtische Entwicklung mit Hilfe von vielen Business Improvement Districts vorangetrieben.
„Die Wiederbelebung und der Erhalt von Innenstädten müssen ganz oben auf der politischen Agenda stehen“, mahnt von Preen abschließend. Deshalb müssten Bund, Länder und Kommunen eng verzahnt arbeiten. Wie er versichert, steht der Handel als Schlüsselbranche bereit, seinen Anteil zu leisten. Dafür müsste die Politik aber auch die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.



