Handel in der Corona-Krise

Drastischer Umsatzeinbruch im Modehandel

Viele Modehändler fragen sich, wie es weiter geht. Foto: Ruth Vierbuchen

Die Bilanz für den deutschen Einzelhandel nach der Zwangsschließung seit 16. Dezember ist ernüchternd. So verzeichnet die Branche nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Januar – gegenüber dem Vorjahresmonat – ein Umsatzminus von nominal 7,4% und real 8,7%, obwohl der Lebensmittelhandel mit real +4,3% und nominal +6,0% deutlich zulegen konnte. Doch ein Umsatzrückgang von 76,6% im Einzelhandel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren und von 26,3% bei den Kauf- und Warenhäusern sind eine zu schwere Hypothek.

Im Februar dürfte die Entwicklung bedingt durch die Fortsetzung der Zwangsschließungen nicht anders aussehen. So gehen die Verbände BTE (Textil), BDSE (Schuhe) und BLE (Lederwaren) von Einbußen in einer ähnlichen Größenordnung aus. Nach den Worten von Steffen Jost, Präsident des BTE hat die Modebranche damit nicht nur „eine katastrophale Winter-Saison mit immer noch hohen Beständen unverkaufter Ware hinter sich“, sie steht nun vor der Tatsache, dass das „enorm wichtige Vor-Oster-Geschäft massiv behindert oder sogar komplett sabotiert“, wird.

Denn für den Nonfood-Einzelhandel jenseits von Lebensmittel- und Drogeriemärkten, Buchhandlungen, Blumenläden und Garten-Center, gilt nach dem Beschluss der jüngsten Ministerpräsidenten-Konferenz (MPK) seit 8. März, dass sie in den wenigen deutschen Kreisen und Städten mit Inzidenzwerten unter 50, dazu gehören etwa Rostock, Münster und Tübingen, wieder öffnen dürfen. Doch in den Gebieten mit einer Inzidenz zwischen 50 und 100 müssen die Kunden einen Termin vereinbaren (Click & Meet-Angebot), wenn sie einkaufen wollen, was vor allem die großen Filialisten, Kauf- und Warenhäuser zwingt, ganz neue Strukturen aufzubauen. In Kreisen und Städten mit einer Inzidenz von über 100 bleibt auch dieser Einzelhandel zu. Für Jost ist diese Lösung ein Beispiel für die verfehlte und mutlose deutsche Corona-Politik.

Zumal ein entsprechender Stufenplan des Robert Koch Instituts (RKI), offizieller Berater des Bundesgesundheitsministeriums, nach Feststellung des German Council of Shopping Places (GCSP) jüngst bestätigt hat, dass eine gefahrlose Öffnung des Einzelhandels unter Anwendung der erforderlichen Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen sofort möglich sei. „Die jetzt vom RKI veröffentlichte Einschätzung des allgemeinen Infektionsrisikos bestätigt dem Einzelhandel ein niedriges Infektionsrisiko sowie grundsätzlich einen niedrigen Anteil am Infektionsgeschehen,“ sagt GCSP-Vorstand Harald Ortner und stellt deshalb die Frage in den Raum, warum die Einzelhandelsläden im Großen und Ganzen so restriktiv behandelt werden, wenn von ihnen kaum Infektionsgefahren ausgehen?

RKI: Der Einzelhandel ist kein Corona-Hot-Spot

Und für den Shopping-Center-Spezialist Unibail-Rodamco-Westfield ist der für den Einzelhandel ausgearbeitete Plan mit den vorgeschlagenen Click & Meet-Angeboten in Städten und Kreisen mit einer Inzidenz zwischen 50 und 100 „keine Öffnungsstrategie“. Denn die Personal- und Betriebskosten für diese Angebote, die die Frequenz in den Läden bewusst niedrig halten sollen, seien für das Gros der Geschäfte höher als die erzielbaren Umsätze – ganz abgesehen davon, dass die praktische Umsetzung zu „unnötigen Aufenthalten und Schlangenbildungen“ führen würden, wodurch die Hygienekonzepte konterkariert würden.

Auch Ernst Läuger, Präsident des Handelsverbands Bayern (HBE), konstatiert, dass Click & Meet die meisten Händler nicht annähernd retten könne. Vielmehr würden die beschlossenen Maßnahmen für den Einzelhandel bedeuten, dass der Lockdown trotz der theoretischen Öffnungsperspektiven faktisch bis Ende März verlängert werde. Für ihn ist die „angebliche Öffnungs-Matrix nicht mehr als eine Beruhigungspille für den Handel“, die eine Pleitewelle nicht werde aufhalten können. Denn laut Handelsverband Deutschland (HDE) kommen die Hilfsgelder nur spärlich an.

„Click & Meet“ ist keine Öffnungsstrategie

Bundesweit würden die nach dieser Regelung weitgehend geschlossenen Handelsunternehmen bis Ende März weitere 10 Mrd. Euro verlieren, rechnet der HDE vor. Und der Ausblick ist nicht rosig, denn ein stabiler Inzidenzwert von unter 50, wie er von der MPK am 3. März als Voraussetzung für eine Öffnung aller Läden beschlossen wurde, ist nach Einschätzung von HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth auf absehbare Zeit kaum flächendeckend zu erreichen. Mit Blick auf die Tatsache, dass die Zwangsschließungen bis Ende März dann seit 100 Tagen andauern, wird die Lage für viele Einzelhändler immer prekärer – und damit auch für die Innenstädte.

Statt sich an symbolträchtigen Branchen wie dem Einzelhandel abzuarbeiten, so mahnt der HDE, sollten sich die Corona-Maßnahmen an der jeweiligen Infektionsgefahr orientieren. Und hier haben auch die Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik (BGHW) sowie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) in Untersuchungen festgestellt, dass für die Beschäftigten im Handel kein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Und dass sich der von der Ministerpräsidenten-Konferenz vorgelegte Stufenplan für eine Öffnungsperspektive „noch immer entgegen dem Ratschlag aller Fachleute allein an Inzidenzen und nicht an weiteren Faktoren wie der Bettenauslastung orientiert“, kritisierte Andreas Mattner, Präsident des Zentralen Immobilien Ausschusses (ZIA) in seiner Stellungnahme: Denn da die Zahl der Infektionen nicht in Relation zu den jeweils durchgeführten Tests genannt werde, sei nicht erkennbar, ob die Infektionszahl womöglich nur auf Grund höherer Testzahlen gestiegen sei.

Mattner ist überzeugt, dass unter Berücksichtigung der Auslastung der Intensivstationen eine Öffnung des Handels bereits ab 8. März möglich gewesen wäre. „Nach wie vor liegt kein durchdachtes Konzept vor - und das ein Jahr nach Pandemiebeginn“, kritisiert er. Das zeige auch die Einführung von „Click and Meet”, womit kein Händler arbeiten könne. Und: „Die Verordnungsgeber sollten sich bemühen, dieses Element praxistauglich und mit Fachwissen auszugestalten.“

„Mir fehlen die Worte – und unserer Branche die Hoffnung und die weitere Perspektive“. Mit diesen Worten kommentierte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Systemgastronomie,Andrea Belegante, das Ergebnis der MPK. Ihre Branche ist schon seit 2. November 2020 geschlossen. „Wurde beim Wirtschaftsgipfel mit den Verbänden vor drei Wochen nicht vereinbart, am 3. März eine klare und vorausschaubare Perspektive festzulegen,“ fragt sie. Erst im vierten Öffnungsschritt werde die Außengastronomie erwähnt, deren Öffnung gleichzeitig weiter in die Zukunft verschoben werde. Die Innengastronomie werde gar nicht erst genannt. Am 22. März will die Ministerpräsidenten-Konferenz wieder zusammenkommen, um über das weitere Vorgehen zu beraten.