Zukunft Innenstadt: Kooperation HDE/Google

Die digitale Präsenz macht den Unterschied

Digitalisierungswelle im Buchhandel. Foto Thalia

rv DÜSSELDORF. Dass Corona-Zeiten schwere Zeiten für den Einzelhandel sind, wurde anhand von Umsatzzahlen schon vielfach belegt. Nach Feststellung von Stephan Tromp, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland war der Einbruch durch den Shutdown im Frühjahr stärker als während der Finanzmarktkrise 2008/2009.

Probleme hatten aber vor allem die Einzelhändler, die nicht digitalisiert waren. Deshalb hat sich der Handelsverband Deutschland (HDE) nach den Worten des stellvertretenden Hauptgeschäftsführers Stephan Tromp mit dem Internet-Riesen Google zusammengetan, um den kleinen und mittleren Unternehmen den notwendigen Zugang zur Digitalisierung zu erleichtern. Nach Tromps „ganz grober Schätzung“ liegt der Anteil der Einzelhändler, der noch nicht im Internet präsent ist, bei etwa 50%.

Im Buchhandel, der als erster vom Internet-Händler Amazon angegriffen wurde, liegt der Anteil nach den Worten von Martina Kittel, Inhaberin der Nikolaischen Buchhandlung in Berlin und Vorsitzende des Handelsausschusses Berlin mit etwa 40% etwas niedriger. Über alle Branchen betrachtet gehört die Mode-Branche zu den großen Verlierern der Krise, während die Fahrradhändler derzeit zu den großen Gewinnern gehören.

Der HDE geht davon aus, dass der Online-Handel 2020 um etwa 10 bis 11% wachsen wird. Wie es jedoch weiter geht, nachdem der Shutdown und die noch bestehenden Einschränkungen beim Einkaufen und der wirtschaftliche Abschwung die Kauflaune der Bundesbürger dämpfen, ist laut Tromp schwer einzuschätzen – und auch, wie viel Kaufkraft in diesem Jahr ins Online-Geschäft abfließen wird. Zahlen aus China zeigen nach seinen Worten, dass der Absatz, der ins Internet abgeflossen ist, bislang nicht in den stationären Handel zurückgekommen ist.

Nach Beobachtung von Martina Tittel, die ihre im Jahr 1713 in Berlin gegründete Buchhandlung vor fünf Jahren übernommen hatte, geht es vielen Buchhandlungen ohne Online-Präsenz, die zwangsweise schließen mussten, „richtig schlecht“. Sie befürchtet ab Oktober und Anfang des Jahres 2021 viele Pleiten. Dagegen brachte ein Web-Shop oder eine Website den betreffenden Buchhändlern in der schwierigen Phase des Shutdowns große Vorteile.

Diese Händler haben laut Tittel gegenüber 2019 sogar ein Plus erzielt. Die Buchhändlerin selbst hatte ihren Web-Shop schon vor der Krise mit Hilfe ihres Großhändlers eingerichtet. Man werde gefunden, so ihre Erfahrung, die Kunden könnten Bücher aussuchen und entweder im Zuge von Click & Collect abholen oder nach Hause schicken lassen. Wichtig ist die Verzahnung von Internet und Laden vor Ort.

Zu den Erkenntnissen aus der Corona-Krise gehört auch, dass viele Kunden derzeit nicht bereit sind, weite Wege in Kauf zu nehmen. Denn während die kleinen Einzelhändler in den Subzentren wieder ein normales Geschäft machen, spüren die Großstädte, dass weniger Menschen aus dem Umland anreisen. Hinzu kommt, dass viele Beschäftigte im Homeoffice sind, was Tittel beispielsweise an der geringen Frequenz in der City Berlin West mit den Einkaufsmeilen Tauentzienstraße und Kurfürstendamm abliest, in deren Umgebung es viele Büros gibt. Sie befürchtet, dass viele Einzelhändler und Gastronomen in den großen Städten „uns verlassen werden“. Dann stellt sich  die Frage, wie die Cities wiederbelebt werden können.

Dabei wird die Digitalisierung des Einzelhandels eine wichtige Rolle spielen. Denn die Erfahrungen von Unternehmen mit Online-Shop und Untersuchungen des IFH Köln und Capgemini zeigen, dass die Kunden in Corona-Zeiten ihre Affinität zum Internet-Handel entdeckt haben und zufrieden sind. Laut Tromp müssen die Einzelhändler deshalb heute auch auf dem Smartphone sichtbar sein. Mit Blick auf die große Zahl von Händlern ohne Online-Shop und ihren schlechten Erfahrungen in der Krise hat sich der HDE mit Google zusammengeschlossen, um diesen Betrieben in der Innenstadt zu helfen. Ziel ist es, den Kunden durch die digitale Präsenz des stationären City-Handels einen Grund zu geben, in die Innenstädte zu kommen – etwa um bestellte Ware abzuholen und womöglich noch weitere Geschäfte aufzusuchen.

Ein breites Digitalisierungsprogramm

Im Rahmen der Initiative ZukunftHandel bündeln der HDE und Google sowie zahlreiche weitere Partner ihre Kräfte, um ein breit angelegtes Digitalisierungsprogramm für den Einzelhandel anzubieten: die Initiative bietet einPaket aus Instrumenten und Trainings, das die Unternehmen Schritt für Schritt vom klassischen Ladengeschäft (offline) zu einem hybriden Betrieb (offline und online) begleitet. Zudem soll das stationäre Geschäft mithilfe von Online-Tools gestärkt werden.

Das Angebot kann nach den Worten von Philipp Justus, Vice President von Google Zentraleuropa von allen Interessenten ohne große monetäre oder zeitliche Investitionen genutzt werden. Im ersten Schritt werden über 250 000 Einzelhandelsbetriebe postalisch über die Initiative und Möglichkeiten der Teilnahme informiert.

Zu den Instrumenten und Trainings gehören:

1. Eine professionelle Unternehmenswebseite nebst Onlineshop in Zusammenarbeit mit IONOS 1&1 und JIMDO

2. 1x1 Starter-Paket von Google, eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zu Aufbau und Erweiterung des Onlinegeschäfts

3. Passgenaue Online-Trainings u.a. zu Online-Sicherheit (mit TÜV SÜD), Zertifizierungs-Kurse zu Online-Marketing (Google Zukunftswerkstatt) sowie Einstiegskurse in das Thema „Künstliche Intelligenz”

4. Neue, einfache Funktionen für Einzelhändler in der Google Suche und Maps, z.B. Neuerungen, wie Lieferdienste oder neue Produkte kommunizieren, direkte Online-Buchung von Offline-Dienstleistung, kostenlose Werbemittel und verstärkte Hinweise auf Einkaufsmöglichkeiten „in der Nähe”

5. Kostenlose Daten- und Diagnosetools für Einzelhändler, um bestehende Web-Seiten zur Steigerung des Umsatzes zu verbessern

6. Insgesamt 27 Kurse mit Fokus auf den Handel, davon 7 speziell für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs) sowie über 70 bestehende Kurse zu digitaler betrieblicher Weiterbildung (u.a. mit Partnern wie HDE, TÜV SÜD, NEW WORK SE)

7. Telefonische Beratung und Unterstützung über die „Zukunft-Handel-Hotline“.

Als Anreiz haben HDE und Google den neuen ZukunftHandel-Award ausgelobt, der positive Beispiele hervorheben und inspirieren soll. In den sechs Kategorien Gründergeist, Netzwerker, Umweltretter, Onlinekönner, Marktplatzmacher, Durchstarter (Sonderpreis: Covid-19) sollen Handelsunternehmen ausgezeichnet werden, die sich mit mutigen oder ungewöhnlichen Ansätzen hervorgetan haben.