Einzelhandelskaufkraft Europa

Deutschland unter dem Durchschnitt

rv DÜSSELDORF.In der Europäischen Union ist Deutschland die größte und finanzstärkste Volkswirtschaft. In der Euro-Zone entfällt auf Deutschland mit 26% die größte Haftungssumme vor Frankreich mit 21%. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie stark beispielsweise der Einzelhandel im europäischen Vergleich von der Finanzkraft der deutschen Volkswirtschaft profitiert. Das Ergebnis: nur unterdurchschnittlich.

Nach der jüngsten Studie NIQ Einzelhandelskaufkraft Europa von NIQ Geomarketing (vormals GfK Geomarketing), für die in 25 europäischen Ländern die Einzelhandelskaufkraft untersucht wurde, zeigt sich, dass die Marktgröße eines Landes und die individuelle Kaufkraft häufig deutlich auseinanderfallen, wie Philip Vojtech, Einzelhandelsexperte im Bereich Geomarketing, feststellt: „Nord- und westeuropäische Länder dominieren die oberen Plätze des Rankings“, wie er weiter berichtet, während einige der volumenstärksten Einzelhandelsmärkte Europas beim Pro-Kopf-Wert mit ihrer Einzelhandelskaufkraft unter dem europäischen Durchschnitt liegen. Dazu gehören neben Deutschland noch Spanien und Italien. Die Ausnahme bildet Frankreich, das mit einem Durchschnittswert von 8 386 Euro pro Kopf um 24,9% über dem europäischen Durchschnittswert von 6 714 Euro pro Einwohner liegt und auf Platz 7 steht.

Insgesamt stehen den Verbrauchern der 25 von der NIQ-Studie erfassten europäischen Ländern rund 3,5 Billionen Euro für Ausgaben im Einzelhandel zur Verfügung. Dabei reicht die Bandbreite von 12 518 Euro pro Einwohner in Luxemburg – der europäische Durchschnittswert wird hier um 86,4% übertroffen – bis zu durchschnittlich 3 849 Euro in Serbien am unteren Ende der Rangliste. Die Serben erreichen demnach nur 57,3% des europäischen Durchschnittswerts – hinter Rumänien mit 3 880 Euro (57,8%) und Bulgarien mit 4 448 Euro (66,2%).

Auf den weiteren Rängen in der Spitzengruppe finden sich die Schweizer, die mit ihren 12 080 Euro um 79,9% über dem europäischen Durchschnittswert liegen, gefolgt von den Dänen, die mit 9 452 Euro um 40,8% über dem Durchschnittswert liegen. Zu der Gruppe der zwölf Länder, die sich über dem europäischen Durchschnittswert finden, gehören noch Norwegen (9 085 Euro), Schweden (9 004 Euro), Österreich (8 712 Euro), Finnland (8 555 Euro), Frankreich (8 386 Euro), Belgien (7 897 Euro), Niederlande (7 769 Euro), Irland (7 449 Euro) und das Vereinigte Königreich mit 7 086 Euro auf Platz zwölf.

Mit einem Durchschnittswert von 6 528 Euro liegt Portugal ganz knapp unter dem europäischen Durchschnittswert auf Platz 13. In diesem Umfeld steht Deutschland – wie oben bereits erwähnt – mit einem Durchschnittswert von 6 226 Euro hinter Kroatien mit 6 242 Euro auf dem 15. Platz und um 7% unter dem europäischen Durchschnittswert und reiht sich damit in die Gruppe der 13 europäischen Länder mit unterdurchschnittlicher Einzelhandelskaufkraft ein.

Die Frage, ob der niedrige deutsche Wert dadurch begründet wird, dass die Steuer- und Abgabelast hierzulande im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich hoch ist, oder ob die Deutschen ihr Geld lieber für andere Bereiche ausgeben, wird in der Studie nicht beantwortet. Frühere Untersuchungen ergaben aber, dass die Deutschen im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich viel Geld für Bekleidung ausgeben.

Sehr große Unterschiede in den Ländern selbst

Bleibt die Frage, was die unterdurchschnittliche Einzelhandelskaufkraft in Deutschland über die Güte des hiesigen Einzelhandelsmarktes aussagt. In diesem Kontext heißt es in der Studie, dass sich „über die nationalen Durchschnittswerte hinaus die Einzelhandelskaufkraft in Europa auch deutlich auf regionaler Ebene unterscheidet“. So weist Philip Vojtech darauf hin, dass die großen Metropolregionen einen überproportional hohen Anteil der Einzelhandelskaufkraft eines Landes auf sich vereinen.

Deshalb übertreffen in vielen Ländern die Hauptstädte und große Metropolregionen laut Studie ihr jeweiliges Umland und zwar nicht selten mit großem Abstand. Als Beispiel nennen die Experten das Nachbarland Frankreich. Hier erreicht die Hauptstadt Paris – auch als „Isle de France“ bekannt – mit 12 944 Euro pro Kopf einen Wert, der deutlich über dem Landesdurchschnitt liegt, während das benachbarte Département Seine‑Saint‑Denis mit 6 314 Euro deutlich unter dem Durchschnittswert liegt und weniger als die Hälfte des Pariser Werts ausmacht.

Ähnlich die Verteilung im Vereinigten Königreich, in dem Londoner Regionen wie die City of London eine Einzelhandelskaufkraft von bis zu 15 785 Euro pro Kopf erreichen, während der Industriestandort Birmingham in den West-Midlands mit etwa 5 846 Euro pro Kopf etwas mehr als ein Drittel des Londoner Werts erreicht. Die zweitgrößte Stadt hinter London ist das Zentrum der britischen Metallverarbeitung, die sich vom Industriestandort zur Dienstleistungsstadt gewandelt hat.

Auch in Deutschland ist die Einzelhandelskaufkraft regional unterschiedlich verteilt, wobei hierzulande die Bundeshauptstadt Berlin nicht zuletzt auf Grund der langen Teilung nicht zu den Metropolen mit hoher Kaufkraft gehört. Gleichwohl profitieren die Stadt resp. ihre Einzelhändler von der Kaufkraft von 3,5 Mio. Menschen auf engem Raum und den vielen Touristen, die viel Kaufkraft in die Metropole bringen. Die höchste Kaufkraft unter den deutschen Metropolen vereinigen dagegen der Landkreis und der Stadtkreis München auf sich. „Für Händler ist es daher wichtig, regionale Dynamiken zu berücksichtigen“, gibt Philip Vojtech zu bedenken. Und mit dem Netz aus sieben großen Einkaufsstädten bietet Deutschland viel Potenzial.