Konjunkturprognose 2023

Deutsche Wirtschaft schrumpft leicht

rv DÜSSELDORF. Die Aussichten für die deutsche Wirtschaften trüben sich zur Jahresmitte 2023 ein. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen – im vierten Quartal 2022 und im ersten Quartal 2023 – schrumpfte, geht das Ifo Institut München in seinem Ausblick auf das zweite Halbjahr davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr insgesamt um 0,4% schrumpfen wird – und setzt damit seine ursprüngliche Prognose von -0,1% weiter nach unten.

„Die deutsche Wirtschaft arbeitet sich nur ganz langsam aus der Rezession heraus“, befürchtet Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser beim Blick auf das zweite Halbjahr und 2024. Die für die Geldpolitik so wichtige Inflationsrate sieht das Forschungsinstitut in diesem Jahr auf 5,8% sinken – nach noch 6,9% im Jahr 2022. Mit 6,0% wird die Kerninflationsrate (ohne Energie) aber hoch bleiben, was bedeutet, dass sich die Preissteigerungen weiter in den Lebenshaltungskosten festsetzen.

Für 2024 rechnet das Ifo Institut zwar damit, dass die Wirtschaft wieder wächst, mit 1,5% allerdings nicht so stark, wie im Frühjahr mit 1,7% noch angenommen. Und auch wenn die Forscher davon ausgehen, dass die Inflation im kommenden Jahr mit 2,1% wieder nahe an die Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) heranrückt, so erwarten sie doch, dass die Kerninflationsrate (ohne Energie) mit 3,0% recht hoch bleiben wird, was eher wenig Spielraum für Zinssenkungen lässt.

Die unklare Lage bei der Energieversorgung wird den Preissteigerungsdruck zweifellos hochhalten. Zumal die Diskussionen um den Fachkräftemangel auch den Druck auf die Löhne und Gehälter erhöht. Nach Schätzung des Ifo Instituts wird die Arbeitslosenquote in diesem Jahr bei 5,5% und im nächsten bei 5,3% liegen.

In diesem Umfeld gehen die Münchener Forscher davon aus, dass „die geldpolitische Ausrichtung weiter restriktiv bleiben wird, auch wenn das Ende des Zinserhöhungszyklus absehbar ist“. Sie erwarten noch einen Zinsschritt von 0,25% in der Juli-Sitzung des EZB-Rats und danach ein Verweilen der Leitzinsen für geraume Zeit auf diesem Niveau. Andere Experten erwarten noch einen zweiten Zinsschritt.

Ab Sommer 2024 könnten die Zinsen aus Sicht der Ifo-Forscher fallen, wenn sich die Inflationsdynamik abgeschwächt hat. „Dieser „wait-and-see“ Ansatz dürfte angemessen sein, weil eine hohe Unsicherheit hinsichtlich der Geschwindigkeit und der Wirkungskraft der geldpolitischen Transmission herrscht“, heißt es im Ifo-Konjunkturbericht: „Im Einklang mit dem geldpolitischen Kurs werden die Finanzierungsbedingungen vorerst restriktiv bleiben. So dürfte die Umlaufsrendite zehnjährige Bundesanleihen noch leicht auf 2,8% steigen und auf diesem Niveau in etwa verharren.“ Gleichwohl: Der Aufstand der Söldner-Truppe Wagner und ihr kurzzeitiger Marsch auf Moskau am 24. Juni hat einen Vorgeschmack darauf gegeben, wie fragil die geopolitische Lage in Osteuropa bleibt.

Mit Blick auf die hohe Inflation und den dadurch bedingten Kaufkraftverlust der Bundesbürger erwartet das Ifo Institut, dass der private Konsum in diesem Jahr sinkt, und zwar um 1,7%, wie Wollmershäuser erwartet: „Erst 2024 wird er wieder zunehmen, um 2,2%.“ Nachdem der Anstieg der Preise die Realeinkommen der privaten Haushalte und damit ihren Konsum im Frühjahr noch beeinträchtigt hatte, geht der Experte davon aus, dass die Einkommen ab der zweiten Jahreshälfte 2023 wieder stärker wachsen als die Preise, so dass der private Konsum wieder Fahrt aufnehmen kann. Das wäre dann zumindest eine gute Ausgangslage für 2024.

Noch ungünstiger schätzt das Ifo-Institut die Lage in der Bauwirtschaft ein, die in den vergangenen zehn Jahren eine wesentliche Stütze der deutschen Konjunktur war. So prognostizieren die Forscher bei den Bauinvestitionen nach einem Rückgang um 1,8% im vergangenen Jahr ein erneutes Minus von 2,2% in diesem Jahr und von sogar 3,2% im Jahr 2024. Das veranschaulicht noch einmal deutlich, dass nach zehn Jahren mit niedrigsten Zinsen die Party vorbei ist und die Branche sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen muss. Der Anstieg der Baupreise – neben Fachkräftemangel und Verteuerung der Finanzierungsbedingungen das dritte Schwerpunkthema – geht laut Ifo nur langsam zurück und die Kreditzinsen werden – wie oben schon dargelegt – hoch bleiben, „so dass sich die Nachfrage nach Bauleistungen weiter verringern wird“.

Im Verarbeitenden Gewerbe rechnen die Forscher damit, dass die hohen Auftragsbestände für eine moderate Ausweitung der Produktion sorgen werden. Und wenn die Probleme mit den Lieferengpässen abnehmen, könnten die Unternehmen wieder kräftiger expandieren. Dank der hohen Auftragsbestände könnte die Branche ihre Produktion weiter moderat ausweiten und dann mit dem allmählichen Auslaufen der Lieferengpässe wieder deutlich kräftiger expandieren.

Gleichzeitig dürfte die Lage der energieintensiven Produktionsbereiche angespannt bleiben, wodurch eine starke Ausweitung der Bruttowertschöpfung verhindert werden könnte. Dabei unterstellt das Ifo Institut in seiner Prognose, dass es im Winter 2023/24 nicht zu einer Gasmangellage kommt. Allerdings ist auch abzuwarten, wie sich der starke Einbruch beim Auftragseingang im März, den das Statistische Bundesamt mit 10,7% bezifferte, langfristik auswirken wird.

Beim Blick auf die Entwicklung der Inflationsrate in den kommenden Monaten erwarten die Forscher einen weiteren Rückgang, da sich bei den Vorleistungskosten – insbesondere bei Energie – inzwischen Preisrückgänge abzeichnen. Auch der Rückgang bei den landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen dürfte den Preisauftrieb dämpfen. Allerdings: Die Löhne dürften im Jahresverlauf beschleunigt zunehmen, da vermehrt Inflationsprämien ausgezahlt werden und die spürbaren Tariflohnanhebungen Wirkung zeigen. Die Forderungen der Eisenbahnergewerkschaft EVG sind ein Beispiel dafür.