rv DÜSSELDORF. Nach einer moderaten Entwicklung in den vergangenen Jahren wird die Kaufkraft der Deutschen 2026 deutlich um 5% auf durchschnittlich 31 193 Euro pro Kopf steigen. Das sind 1 466 Euro pro Kopf und Jahr mehr als 2024, wie die aktuelle Kaufkraftstudie von NIQ, vormals GfK, zeigt. Wie viel von dem nominalen Kaufkraftzuwachs auf insgesamt 2,607 Bio. Euro am Ende real für die Ausgaben der Bürger übrigbleibt, wird von der Inflationsrate abhängen. Die lag 2025 – genauso wie 2024 – bei 2,2%.
Wie Markus Frank, Experte im Bereich Geomarketing von NIQ (vormals GfK), erläutert, wird die Entwicklung der realen Kaufkraft neben der Inflation auch durch die geopolitischen Konflikte und die Unsicherheiten in der Zollpolitik gebremst. Der Kaufkraft-Index berücksichtigt das nominal verfügbare Nettoeinkommen der Deutschen inklusive staatlicher Transferzahlungen wie Renten, Arbeitslosen- und Kindergeld. Die Kaufkraft umfasst die Summe, die den Menschen für Konsumausgaben, Wohnen, Freizeit oder zum Sparen zur Verfügung steht.
Neben der Inflation beeinflussen aber auch regionale Unterschiede zwischen den insgesamt 400 Stadt- und Landkreisen resp. ihrer Wirtschaftskraft die Kaufkraft. Dabei profitieren nach Feststellung von NIQ-Experte Frank Kreise wie Lichtenfels und Coburg von einem wachstumsstarken Mittelstand in ihrer Region und verzeichneten damit zuletzt die bundesweit höchsten Kaufkraftzuwächse. Vor allem der oberfränkische Landkreis Lichtenfels verzeichnete unter allen 400 deutschen Kreisen mit einem Plus von 2,6 Indexpunkten den höchsten Zuwachs – auch wenn er mit einer Pro-Kopf-Kaufkraft von 27 926 Euro noch um gut 10% unter dem bundesweiten Durchschnitt liegt.
Das zeigt aber, wie viel sich in einem Kreis zum Positiven verändern kann. Dagegen verzeichneten Städte mit Automobil- und Zuliefererstrukturen wie Wolfsburg, Baden-Baden und Ingolstadt in puncto Pro-Kopf-Kaufkraft zwar noch Wachstum, jedoch wuchsen sie deutlich langsamer als die anderen Kreise. Laut Markus Frank mussten sie „die größten Rückgänge in Bezug auf die Indexwerte“ hinnehmen.
Der Blick auf die zehn Kaufkraftstärksten Stadt- und Landkreise Deutschlands zeigt, dass sich hier gegenüber 2024 kaum etwas verändert hat. An der Spitze steht unvermindert der Landkreis Starnberg mit durchschnittlich 42 751 Euro pro Kopf. Der Landkreis profitiert vor allem davon, dass sich hier viele wohlhabende Familien angesiedelt haben. Auf dem zweiten Rang folgt der Landkreis München mit 41 355 Euro vor dem Stadtkreis München mit 40 800 Euro pro Person. Der Unterschied zwischen Stadt- und Landkreis erklärt sich daraus, dass in der Stadt München auch Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen wie Studenten, aber auch andere Geringverdienen leben, die den Durchschnitt nach unten drücken.
Auffallend ist laut NIQ Geomarketing jedoch, dass sich die Kaufkraft der Münchener Stadtbewohner und die der Wohlhabenden in den Nobelvororten immer stärker annähern: „So verzeichnet die Stadt München, bedingt durch höhere Einkommen, eine der größten Kaufkraftzugewinne (+1,8 Indexpunkte), während das verfügbare Nettoeinkommen im gleichnamigen Landkreis um 2 Indexpunkte zurückgeht.“ Das könnte daran liegen, dass mehr Wohlhabende in die Stadt ziehen und immer mehr Einkommensschwächere in weiter entfernte Vororte ziehen müssen.
Stadtkreis München holt gegenüber Landkreis auf
Verbessert hat sich auch die Durchschnittskaufkraft im Hochtaunuskreis auf 39 977 Euro pro Kopf, sodass der Landkreis auf Platz vier vorgerückt ist und den Landkreis Ebersberg auf Platz fünf verdrängt hat. Gegenüber dem Landkreis Starnberg, mit dem sich der Hochtaunuskreis im Dunstkreis der Bankenmetropole Frankfurt/Main in früheren Jahren einen Wettbewerb um den ersten Platz in der Rangliste lieferte, hat der Landkreis um Königsstein aber verloren.
Auf Platz sechs folgt in der Liste der Top 10 der Main-Taunus-Kreis mit 38 969 Euro, gefolgt vom bayerischen Landkreis Miesbach mit 37 558 Euro auf Platz sieben. Der Landkreis Fürstenfeldbruck, in dem viele in München Beschäftigte wohnen, konnte sich mit 37 129 Euro von dem neunten auf den achten Platz vorschieben und Erlangen-Höchstadt (37 116 Euro) auf Platz neun verweisen. Mit Dachau bildet ein weiterer bayerischer Landkreis im Dunstkreis der Bayernmetropole das Schlusslicht unter den Top 10. Hier haben die Bewohner im Durschnitt 36 888 Euro zur Verfügung.
Angesichts der großen Zahl von bayerischen Stadt- und Landkreisen unter den zehn Kaufkraftstärksten Regionen Deutschlands ist es nicht erstaunlich, dass Bayern mit durchschnittlich 33 666 Euro pro Kopf auch unter den 16 Bundesländern an der Spitze steht. Es folgt mit 33 019 Euro das Bundesland Hamburg, das erstmals Baden-Württemberg (32 813) von Platz zwei auf den dritten Platz verwiesen hat. Und schließlich folgt Hessen mit der Bankenmetropole Frankfurt/Main (31 926 Euro) auf dem vierten Platz. Schleswig-Holstein auf Platz fünf liegt mit einer Kaufkraftsumme von 31 168 Euro und einem Kaufkraft-Index von 99,9 bereits ganz knapp unter dem Bundesdurchschnitt.
Wie in den Jahren zuvor weisen laut NIQ Geomarketing damit nur vier der 16 Bundesländer eine überdurchschnittliche Pro-Kopf-Kaufkraft auf, während das Ausgabepotenzial in drei Vierteln unterdurchschnittlich ist. Schleswig-Holstein dürfte es im Laufe der nächsten Jahre aber gelingen, den Durchschnittswert zu überspringen. Erfreulich aus bundesweiter Sicht ist, dass die neuen Bundesländer inzwischen die größten Kaufkraftzuwächse verzeichnen, sodass die Lücke zu den westlichen Ländern kleiner wird. Die Wachstumsraten liegen bei +0,5 Indexpunkten in Sachsen auf Platz elf und reichen bis +0,9 Indexpunkten in Berlin auf Platz zehn. Das Schlusslicht bildet mit 27 172 Euro (87,5%) das Bundesland Bremen hinter Mecklenburg-Vorpommern (28 469 Euro).
Bayern steht unter den 16 Bundesländern an der Spitze
Dass die Neuen Bundesländer weiter aufholen, lässt sich auch daran ablesen, dass die rote Laterne schon seit längerem vom ostdeutschen Görlitz an den Stadtkreis Gelsenkirchen weitergereicht wurde, dessen Pro-Kopf-Kaufkraft mit 24 538 Euro um 21% unter dem Bundesdurchschnitt liegt.
Neben der absoluten Höhe der Kaufkraft in einem Stadt- oder Landkreis ist für den Einzelhandel aber vor allem die Kaufkraftsumme von Relevanz. Denn obwohl die Bundeshauptstadt Berlin in puncto Pro-Kopf-Kaufkraft mit 30 178 Euro um 3%-Punkte unter dem Bundesdurchschnitt liegt und auf Rang 208 steht, kann sie das durch die Zusammenballung von fast 3,8 Mio. Einwohnern kompensieren. Sie kommt damit auf eine Kaufkraftsumme von 111 Mrd. Euro.
Und obwohl München als kaufkraftstärkste deutsche Großstadt um knapp 31% über dem Bundesdurchschnittswert liegt, kommt die Bayernmetropole in puncto Kaufkraftsumme mit gut 61,404 Mrd. Euro nur auf Platz drei hinter Hamburg mit 61,499 Mrd. Euro. Und Düsseldorf, dessen Kaufkraft um 15% über dem Bundesdurchschnitt liegt, kommt bei der Kaufkraftsumme mit gut 22 Mrd. Euro nur auf Platz sechs. Der Einzelhandel in der Stadt Starnberg dürfte nur unterdurchschnittlich von der hohen Kaufkraft profitieren.



