Gerry Weber

Der Modeanbieter will sich völlig neu ausrichten

Foto: Gerry Weber

Der stark geschrumpfte Modekonzern Gerry Weber aus Halle in Westfalen will seine Neuausrichtung bis zum Jahresende 2020 abschließen und vom kommenden Jahr an wieder zulegen. Vorstandssprecher Johannes Ehling verfolgt eine „klare Wachstumsstrategie“.

Als Ziel gibt Vorstandssprecher Johannes Ehling aus, dass es 2021 mit dem Umsatz wieder aufwärts gehen soll und dass schwarze Zahlen geschrieben werden. Optimistisch konstatiert er, dass ihn die operative Entwicklung recht zufrieden stimmt. Bei Umsatz und Ergebnis würden die Planzahlen erreicht, so Ehling, der vor drei Jahren von Ernsting´s Family zu Gerry Weber gewechselt war.

Das Unternehmen aus dem westfälischen Halle, das Ende 2019 sein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beenden konnte und sich nun im Eigentum der Finanzinvestoren Robus,Whitebox und JP Morgan befindet, steckt in einer tiefgreifenden Sanierung. Das im Zuge des zu ehrgeizigen Expansionskurses aufgeblähte Vertriebsnetz wurde inzwischen erheblich verkleinert. Gerry Weber sei massiv überdistribuiert gewesen, stellt Ehling fest.

Die Zahl der europaweit selbst gesteuerten Verkaufsflächen sank seit Herbst 2018 von 800 auf „mehr als 500“. Hierzulande wurden 150 der 350 eigenen Geschäfte geschlossen. „Wir hatten zu hohe Mieten, zu hohe Personalkosten“, sagt Ehling mit Blick auf die inzwischen aufgegebenen defizitären Standorte. Bei den weitergeführten Filialen verhandelte er über niedrigere Mieten: „Unsere Vermieter haben sich an vielen Stellen offen gezeigt.“

Drastische Einschnitte gab es auch im Wholesale-Geschäft (Großhandel), zu dem neben den Franchise-Läden auch die Shop-in-Shops zählen. Von ursprünglich 2 600 Vertriebsflächen fielen rund 300 weg. Einige der Großhandelskunden kündigten angesichts der Insolvenz die Zusammenarbeit auf, wie Ehling einräumt und er gesteht auch ein, dass der Großhandel in der Vergangenheit nicht gut behandelt worden sei. Die Einzelhändler seien in jeder Orderrunde gedrängt worden, mehr zu bestellen als beim vorigen Mal.

In der Folge mussten große Warenmengen zurückgenommen werden. Die überschüssigen Teile wurden in den eigenen Outlets, aber auch über Billigketten und Onlineplattformen losgeschlagen. Mitunter seien dabei aktuelle Kollektionen zeitgleich im Großhandel und in den Outlets angeboten worden, berichtet der Gerry-Weber-Chef. Diese Praxis hat er abgestellt. In den Outlets soll es nur noch Ware aus den vorhergegangenen Kollektionen geben.

Überhaupt will Ehling den Markt nicht mehr wie früher mit den Marken Gerry Weber, Samoon und Taifun überfluten. Nicht nur in den Wholesale, auch in die eigenen Filialen sei einst zu viel Ware gepumpt worden. Künftig soll die Mode zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Menge in die Geschäfte kommen. So sollen die Marken auch wieder an Begehrlichkeit gewinnen, lautet seine Hoffnung.

Die Kollektionen sollen moderner und frischer ausfallen als bislang. Bei den Kundinnen – Gerry Weber richtet sich an Frauen von 50 Jahren an aufwärts, Taifun an Frauen ab 40 Jahren und Samoon an Frauen ab Kleidergröße 42 – sei eine Verschiebung der Nachfrage zu etwas modischerer und hochwertigerer Kleidung festzustellen, heißt es. Diesem Trend hat der Konzern nach Ansicht von Ehling in den vergangenen Jahren zu wenig entsprochen. Die Designteams sollen nun dafür sorgen, dass die Modetrends auf die jeweilige Altersgruppe „übersetzt“ werden.

Stärker in den Fokus rückt auch das Thema Nachhaltigkeit. Im Mai kommt die erste nachhaltig produzierte Kollektion heraus. Dabei wird Bio-Baumwolle verwendet, die nach dem GOTS-Siegel zertifiziert ist. Zum Einsatz kommen zudem aus Holz hergestellte Fasern sowie recycelte Materialien.

Im Zuge der seit Herbst 2018 laufenden Sanierung hat das einst von Gerhard Weber gegründete Unternehmen erheblich an Geschäft eingebüßt. Für 2020 ist ein Umsatz von nur noch 370 bis 390 Mio. Euro geplant. Im Geschäftsjahr 2017/18 wurden noch - inklusive Hallhuber - 794,8 Mio. Euro umgesetzt. Ohne die inzwischen veräußerte Tochter waren es seinerzeit 597 Mio. Euro. Unter dem Strich fiel 2017/18 ein Fehlbetrag von 172,3 Mio. Euro an, vor allem auf Grund von außerplanmäßigen Aufwendungen und hohen Abschreibungen infolge der Restrukturierung.

Für 2020 rechnet der Vorstand nicht mit einer Erholung des Marktes. Er gehe von weiter sinkenden Frequenzen in den Innenstädten aus, sagt Ehling. Eine Antwort auf die Entwicklung will er in erster Linie in einer stärkeren Verzahnung der Vertriebskanäle von Offline und Online finden. Noch in diesem Jahr soll es möglich werden, Kleidungsstücke über das Internet in den Filialen zu reservieren oder online gekaufte Ware in den Geschäften zurückzugeben.