Einzelhandels-Konjunktur

Der Markt ist in drei Teile zerfallen

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rv DÜSSELDORF. Nach der Durchschnittsbetrachtung ist der deutsche Einzelhandel bislang ganz gut durch die Krise gekommen. Nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes stiegen die Einzelhandelsumsätze bis Ende Juli 2020 um real 2,6% und nominal um 3,8%. Und auch der Handelsverband Deutschland (HDE) erwartet, dass die Umsätze in diesem Jahr um 1,5% auf 552 Mrd. Euro steigen werden. Allerdings sagt der Durchschnittswert wenig aus über einzelne Nonfood-Branchen wie den Modehandel oder die Warenhäuser.

So präzisierte auch Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), bei der Herbst-Pressekonferenz das Lagebild in der Branche mit dem Hinweis, dass die von der Zwangsschließung im Frühjahr betroffenen Teilbranchen gegenüber dem Vorjahr etwa 11% ihres Umsatzes einbüßen werden. Der Online-Handel, von dem auch die Multichannel-Händler profitieren, werde mit knapp 15% dagegen das höchste Erlöswachstum erzielen.

Vor diesem Hintergrund gibt Genth zu bedenken, dass ungeachtet des erwarteten soliden Umsatzwachstums von 1,5% in diesem Jahr, das zudem durch den starken Online-Handel überzeichnet wird, nichts darüber hinwegtäuschen kann, „dass in einzelnen Branchen nach wie vor viele Unternehmen und Arbeitsplätze in ihrer Existenz gefährdet sind“. Bis Ende Juli blieben die Umsätze im Bekleidungseinzelhandel nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes um real 27,8% unter dem Vorjahreswert. Und auch im Juli gingen die Erlöse um real 8% zurück, was zeigt, dass es der Branche schwerfällt, die Umsatzverluste in Frühjahrs- und Ostergeschäft wieder auszugleichen. Die Warenhäuser blieben in den ersten sieben Monaten real um 16% unter dem Vorjahresumsatz.

Ergänzt wird dieses Bild durch das Ergebnis einer HDE-Umfrage unter 1 000 Einzelhändlern aller Branchen, Standorte und Größen, wonach mehr als 90% der Bekleidungshändler im ersten Halbjahr eine Verschlechterung der Geschäftslage feststellten. Im Elektronikhandel habe dieser Anteil bei 45% gelegen. Hier zeigt sich, dass die Corona-bedingten Herausforderungen vor allem an den innerstädtischen Standorten groß sind. So bezeichneten 77% dieser Einzelhändler ihre Geschäftslage im ersten Halbjahr als „schlecht“, für 13% verlief das Geschäft wie im Vorjahr, aber 11% verzeichneten auch eine „Verbesserung“.

Der Grund: Die Bundesbürger halten sich in der aktuellen Lage mit Reisen in die nächste Großstadt zurück und auch die internationalen Touristen fehlen spürbar. Damit bestätigt sich der Eindruck, dass die Deutschen derzeit kurze Wege schätzen und die Stadtteilzentren besser performen als die klassischen 1A-Lagen.

Das Thema Mieten bleibt zwischen dem klassischen innerstädtischen Einzelhandel und seinen Vermietern deshalb weiterhin auf dem Tisch. „Angesichts der Umsatzrückgänge können viele Händler ihre Mieten nicht in voller Höhe bezahlen“, konstatiert Genth: „Vor allem große institutionelle Vermieter kommen dem Handel dabei oft nicht ausreichend entgegen.“ Viele Fonds-Gesellschaften haben aber oft nicht den Spielraum für Mietsenkungen, weil sie dann ihre versprochenen Zielrenditen nicht mehr erreichen können. Insofern sind meist zähe Verhandlungen notwendig.

Für den Handelsverband ist diese schwierige Lage Grund genug, eine Anpassung im BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) zu fordern, indem klargestellt werde, „dass die in der Corona-Pandemie angeordneten staatlichen Maßnahmen ein Grund zur Anpassung des Mietvertrags wegen Störung der Geschäftsgrundlage gemäß § 313 sind“. Im Kern geht es bei den Mieten um die Frage, ob der Einzelhandel als Mieter die Konsequenzen der staatlich angeordneten Zwangsschließung allein tragen muss.

Nach der HDE-Umfrage konnte ein Drittel (33%) der befragten Bekleidungshändler mit seinen Vermietern eine Anpassung der Miete erreichen und knapp ein Viertel (24%) konnte Miet-Stundungen aushandeln. Beim Schuh- und Lederwarenhandel lag der Anteil bei 28% Anpassung und 29% Stundung.

Nach dem drastischen Umsatzeinbruch während der Zwangsschließung in weiten Teilen des Nonfood-Handels und der zunächst nur schleppenden Erholung hat sich die Geschäftslage im Einzelhandel laut HDE „deutlich erholt“. Mit einem Saldenwert von +3 liegt der Wert gemäß der aktueller HDE-Konjunkturumfrage im Sommer nur um 5 Saldenpunkte unter dem Vorjahreswert. „Die Erwartungen für die kommenden Monate sind zwar verhalten, die aktuelle Geschäftslage wird jedoch vielfach als gut eingeschätzt“, teilt der HDE mit.

Allerdings spiegeln diese Durchschnittswerte nicht das heterogene Bild im gesamten Einzelhandel wider – vom gut laufenden Lebensmittel- und Drogeriehandel und dem stark wachsenden Online-Handel bis zur schrumpfenden Modebranche. Und der HDE geht davon aus, dass der Online-Handel 2020 deutlich wachsen wird. Davon profitieren inzwischen aber nicht mehr nur große Anbieter, „sondern auch zahlreiche stationäre Geschäfte, die ihre Waren im eigenen Online-Shop, vor allem aber auch auf Marktplätzen im Internet anbieten“. Als Folge der Krise werde sich die Entwicklung des Einzelhandels zu einer Technologiebranche mit höherem Tempo fortsetzen“.

Ein günstiges Vorzeichen für die zweite Jahreshälfte ist, dass sich die Verbrauchstimmung laut HDE-Konsumbarometer seit Mitte des Jahres wieder spürbar verbessert hat. „Die Krisenstimmung, die während des Lockdowns herrschte, liegt weitgehend hinter uns“, konstatiert der HDE.

Die Frage ist, wie sich die deutsche Wirtschaft über die Herbst- und Wintertage mit steigenden Infektionszahlen entwickelt und ob es womöglich wieder weitergehende Beschränkungen gibt. Der HDE geht bei seiner jüngsten Wachstumsprognose von 1,5% für das Jahr 2020 davon aus, dass der Arbeitsmarkt krisenbedingt zwar unter Druck steht, es in der nächsten Zeit jedoch keinen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit geben wird.