Der Online-Handel treibt den Strukturwandel im Handel schon lange voran. Nun kommen mit den asiatischen Billigplattformen Temu und Shein zwei Wettbewerber hinzu, die von der schwachen Konjunktur hierzulande profitieren dürften – aber offenbar auch davon, dass kaum kontrolliert wird, ob sie sich an EU-Regeln und Sicherheitsanforderungen halten. Das kostet die heimische Wirtschaft viel Geld.
Die Globalisierung, von der Deutschland seit der Nachkriegszeit in Form von großen Handelsbilanzüberschüssen profitierte, hat seit Beginn der 2020er-Jahre Risse bekommen. Zum einen durch die ständigen Unterbrechungen der Lieferketten, die im Zuge der Multikrisen immer wieder zu Versorgungsengpässen führen. Zum andern durch den massiven Technologietransfer der westlichen Industrieländer im Zuge ihrer Produktion in China, wodurch das Land seinen technologischen Rückstand in vielen Bereichen ausgleichen und in der Digitalisierung und der Automobilindustrie zum Teil überkompensieren konnte und heute ein schwergewichtiger Wettbewerber ist.
Zum Problem für den Westen wird, dass die chinesische Volkswirtschaft von deutlich niedrigeren Arbeitskosten profitiert, sodass Konsumgüter günstiger produziert und angeboten werden können. In Zeiten hoher Inflation und schwächelnder Konjunktur wie in Deutschland ist das ein Wettbewerbsvorteil. Das zeigt auch der Blick auf die Erfolge der chinesischen Online-Plattformen und Einzelhändler Temu und Shein hierzulande. Beide Unternehmen profitieren auch davon, dass bei der Flut an Paketen, die sie täglich nach Deutschland und Europa schicken, nicht so genau geprüft werden kann, ob Sicherheitsvorschriften und Gesetze eingehalten werden.
Wie der Handelsverband Deutschland (HDE) ergänzend berichtet, verstoßen beide dabei massenhaft gegen EU-Regeln. Und nicht wenige Produkte sind gesundheitsgefährdend. Nach einer Untersuchung erfüllten 68% der Temu-/Shein-Produkte nicht die EU-Sicherheitsanforderungen. Als Beispiel wird etwa Cadmium in Schmuck genannt, wobei eine 8 500-fache Grenzwertüberschreitung festgestellt wurde.
Für die heimische Wirtschaft und insbesondere den stationären Einzelhandel ist es aber von existenzieller Bedeutung, wenn sie gegen Wettbewerber antreten müssen, die sich nicht an die Regeln halten (müssen). Dafür ist das Marktgewicht das Temu und Shein inzwischen zumindest im Billig-Moden-Segment erreicht haben, zu groß, wie die Zahlen zeigen. Täglich liefern beide zusammen 460 000 Pakete mit Billigware nach Deutschland. In der gesamten EU sind es 12 Mio. Pakete. Davon kommen 91% aus China.
Im Kontrast dazu werden die heimischen Einzelhändler nach den Worten von HDE-Präsident Alexander von Preen streng kontrolliert und müssen sich an die geltenden Gesetze und Steuersätze halten. Sie tragen die Compliance Kosten resp. die finanziellen Aufwendungen für die Einhaltung der gesetzlichen, regulatorischen und ethischen Vorschriften, die sich die chinesische Konkurrenz sparen kann.
Die Wettbewerber ziehen Kaufkraft ab
Um das ganze Ausmaß der entstehenden Verwerfungen für Deutschland und den hiesigen Einzelhandel zu ermitteln, hatte der Handelsverband Deutschland beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln eine repräsentative Studie in Auftrag gegeben. Dafür befragte IW Consult in diesem Februar 4 000 Personen im Alter zwischen 16 bis 69 Jahren. Wie diese Untersuchung ergab, führt die Flut von täglich 460 000 Paketen (2025) zu Kapazitätsengpässen bei der letzten Meile und auch beim Zoll, was auch dazu beiträgt, dass hierzulande womöglich nicht so genau geprüft werden kann.
Vor diesem Hintergrund appelliert der Handelsverband Deutschland an den Zoll, „ähnlich wie in Frankreich bei der Einfuhr der Pakete mit massiven Schwerpunktkontrollen deutliche Signale zu setzen und den Kontrolldruck zu erhöhen“. Das spricht dafür, dass es offensichtlich möglich ist, gegen die Verstöße vorzugehen, dafür hierzulande aber womöglich der Wille zum Durchgreifen fehlt. Entsprechend dürfte die Feststellung des Spitzenverbands, dass die Politik „bei dem Thema trotz großer Versprechungen noch immer nicht geliefert“ hat, zu verstehen sein.
Dabei sind die Folgen dieser täglichen Billig-Warenflut erheblich: So verändern laut HDE-IW-Studie die Dauerniedrigpreise auch die Preiserwartung der Kunden. Gut jeder Fünfte (23%) verzichtet hierzulande inzwischen auf die Aktionen an Black Friday, weil die Asia-Plattformen das ganze Jahr über entsprechend günstige Preise bieten. Und die überwiegende Mehrheit (72%) der Befragten ist auch bereit, für die günstigen Preise längere Wartezeiten in Kauf zu nehmen. Damit wird aber die Fokussierung auf den niedrigsten Preis und auf niedrige (Wegwerf)Qualität unterstützt, die nicht im Interesse von Umweltschutz und Nachhaltigkeit ist.
Die Umfrage ergab außerdem, dass gut zwei Drittel (70%) die Ware zum gleichen oder sogar einem höheren Preis auch woanders gekauft hätte und knapp 19% wären bereit gewesen, woanders mehr Geld für die Produkte auszugeben. Gut 30% der Befragten hätten auf den Kauf aber ganz verzichtet. Das zeigt, dass Kaufkraft durch die chinesischen Wettbewerber abgezogen wird. Unter dem Strich führen die Online-Plattformen zu einer Verlagerung der Wertschöpfung – also von Produktion, Marketing und Kundenservice – außerhalb von Deutschland respektive außerhalb der EU. Pro ausgegebenem Euro fließt bei Temu und Shein laut Studie deutlich mehr Wertschöpfung aus dem deutschen Wirtschaftskreislauf ab als bei den inländischen Plattformen.
Der Schlüssel liegt dabei auch im Bestellverhalten. Denn laut Studie erfolgen die Käufe auf den chinesischen Plattformen wesentlich spontaner als bei anderen Online-Plattformen, was auch an den Verkaufspraktiken etwa von Shein liegen dürfte. In diesem Kontext hat die EU-Kommission laut Tagesschau Mitte Februar Untersuchungen eingeleitet, weil sie davon ausgeht, dass das Design der Plattform süchtig machen kann durch aggressive Verkaufstaktiken bei denen Spielen, Timer und Belohnungen eingesetzt werden. Ziel sei es, die Personen möglichst lange auf Shein zu halten. Und die niedrigen Preise tun ein Übriges.
Eine andere Untersuchung der EU-Kommission befasste sich u.a. mit der Frage, ob das Unternehmen genügend tue, um den Verkauf von illegalen Produkten wie etwa Waffen zu begrenzen bzw. zu verhindern. Bereits im vergangenen November berichtete die Umweltorganisation Greenpeace laut Tagesschau, in Kleidung gefährliche Chemikalien gefunden zu haben. In der EU sollen monatlich 145 Mio. Nutzer auf den Plattformen aktiv sein.
Nach Berechnung von IW Consult würde mehr als die Hälfte des Geldes (53%), das bei Temu und Shein ausgegeben wird, auf anderen Online-Plattformen oder im stationären Einzelhandel ausgegeben werden, wenn es die asiatische Konkurrenz nicht geben würde. Das entspricht allein im deutschen Einzelhandel einem Umsatzvolumen von jährlich 2,5 Mrd. Euro, das der Branche entgeht.
Beachtliche Verluste bei den Steuereinnahmen
Hinzu kommen als indirekte Größe die Vorleistungen in Höhe von 1,9 Mrd. Euro und die entsprechenden Löhne und Gehälter, die in der Studie mit 0,6 Mrd. Euro angesetzt werden, sodass sich der Gesamtbetrag auf 5 Mrd. Euro summiert. Davon entgehen dem Einzelhandel 2,6 Mrd. Euro und der deutschen Wirtschaft eine Wertschöpfung von 2,4 Mrd. Euro. Laut Studie führt jeder Euro Umsatz im Einzelhandel unter dem Strich zu etwa 2 Euro in der gesamten Wirtschaft.
Ausgerechnet haben die Experten auch die entsprechenden Folgen für den hiesigen Arbeitsmarkt und kommen in der Endabrechnung zu dem Ergebnis, dass durch die Konkurrenz mehr als 40 558 Arbeitsplätze verloren gehen. Direkt betroffen sind im deutschen Einzelhandel demnach 28 238 Stellen. In der Vorleistungsbranche sind nochmal 8 875 Arbeitsplätze betroffen. Und bedingt dadurch, dass durch den Kaufkraftabfluss die Konsumausgaben entsprechend niedriger sind, entfallen noch einmal 3 400 Stellen. Laut Studie führt jeder Arbeitsplatz im Einzelhandel zu 1,43 Arbeitsplätzen in der gesamten Wirtschaft.
Und schließlich entgehen auch dem deutschen Staat insgesamt 429 Mio. Euro an Steuereinnahmen – verteilt auf Bund, Länder und Gemeinden. Die Summe verteilt sich auf entgangene Umsatzsteuer (114 Mio. Euro), Lohnsteuer (139 Mio. Euro), Einkommensteuer auf PG (76 Mio. Euro), Gewerbesteuer (72 Mio. Euro) und schließlich 28 Mio. Euro Körperschaftsteuer.
So weit die Betrachtung des Status quo. Interessant ist vor diesem Hintergrund die Frage, wie stark die asiatische Konkurrenz noch in den deutschen und in den europäischen Einzelhandel vordringen wird. Experten wie Hansjürgen Heinick, Senior Consultant Market Insights IFH Köln, sieht bei den Plattformen Temu und Shein, die besonders stark bei Mode sind, auch künftig noch ein dynamisches Wachstum. Bislang machen sie mit ihren niedrigen Preisen zwar in erster Linie den Textildiscountern und dem Mittelpreissegment Konkurrenz. Doch Heinick will nicht ausschließen, dass die Plattformen ihre Qualität in Zukunft noch verbessern werden und näher an Europa heranrücken.
Nach den Worten von HDE-Präsident von Preen verdeutlichen die Daten die Dramatik der Lage, da die massenhaften Regelverstöße den Einzelhandel und die gesamte deutsche Wirtschaft in großem Umfang schädigen würden: „Wenn die Politik nach Jahren des Zuschauens hier nicht endlich massiv und spürbar tätig wird, dann sehe ich schwarz für den Standort Deutschland.“ Bei solch massiven Regelverstößen müsse gegebenenfalls der Stecker gezogen werden, so der Präsident: „Wettbewerb ist gut, aber er muss fair sein“, appelliert er an die Politik und erneuert die Forderung des Einzelhandelsverbands, „dass jeder Händler und jede Plattform aus Drittstaaten einen solventen und in der Praxis erreichbaren Repräsentanten innerhalb der EU haben muss, damit bei Verstößen Sanktionen durchgesetzt und rechtskonformes Verhalten sichergestellt werden kann“.



